22.06.2020

Durch die Bergbaufolgelandschaft des Tagebaus Welzow-Süd führt seit August 2014 ein ganz besonderer Weg: Der Ornithologische Lehrpfad. Auf einer Strecke von 25 Kilometern verläuft er von Pulsberg, einem Ortsteil Sprembergs, über die Stradower Höhe bis hin zum Wolkenberg am nördlichen Kippenrand bei Papproth. Entlang des Weges kennzeichnen Infotafeln und Findlinge die Route. Kerstin Adam arbeitet im Kraftwerk Jänschwalde als Elektrikerin. In ihrer Freizeit widmet sie sich gern der einheimischen Flora und Fauna. Zusammen werfen wir einen Blick auf die rekultivierte Landschaft und ihre Besonderheiten.

Die Findlinge tragen den eingravierten Wiedehopf als Erkennungszeichen, Foto: Andreas Franke für LEAG

 

„Krru, krar - krru, krar“: Als wir beim Eingang zum Ornithologischen Lehrpfad am Wolkenberg eintreffen, begrüßt uns gleich zu Beginn der charakteristische, trompetenartige Ruf der Kraniche.

Trotz ihrer Größe von 120 bis 130 Zentimetern entdecken wir die Vögel nirgends. Doch die in der Antike als „Vögel des Glücks“ bezeichneten einzigen europäischen Vertreter ihrer Familie müssen irgendwo in der Nähe sein.

„Vielleicht bekommen wir sie noch zu Gesicht,“ meint Adam. Nomen est omen? Wir werden es herausfinden.

Willkommen auf dem Wolkenberg

Wir halten an der ersten Infotafel hier am Eingang. „Willkommen auf dem Wolkenberg“ ist dort zu lesen. Wir erfahren, welche einheimischen Vögel wir treffen – oder besser hören könnten.

Kerstin Adam begleitet die Erkundungstour auf dem Welzower Vogelpfad, Foto: LEAG

„Es ist nicht ungewöhnlich, dass wir die Tiere zuerst hören, bevor wir sie sehen,“ erklärt mir Adam. „Manchmal sind sie schwer zu entdecken. Bei Naturbeobachtungen ist Geduld gefragt und außerdem ist es schön, die Umgebung einfach auf sich wirken zu lassen.“ Die Kraftwerkerin nahm 2010 zum ersten Mal an einer Vogelstimmenwanderung in Straupitz bei Burg teil. Sofort war sie von der Vielfalt der Vogelstimmen fasziniert, die sich ihr bot.

„Die Natur zu kennen, die einen umgibt, finde ich interessant. Außerdem fotografiere ich leidenschaftlich gerne. Und so kam eines zum anderen.“ Inzwischen erkennt Adam eine Vielzahl von Vogelstimmen.

Wo ich nur ein buntes Gezwitscher höre, kann sie die charakteristischen Melodien zuordnen.

Lebensraum Bergbaufolgelandschaft - neu, großflächig zusammenhängend und damit selten in Deutschland. Hier finden viele Arten einen ungestörten Lebensraum vor. Neben unterschiedlichen Vogelarten, leben hier auch seltene Insekten und gedeihen spezialisierte Pflanzenarten, Foto: Andreas Franke für LEAG

Geschulter Blick fürs Detail

Gemeinsam steigen wir den zwei Kilometer langen Rundweg zum Wolkenberg hinauf. Nur wenige andere Besucher sind heute unterwegs. Ein Rotfuchs kreuzt unsere Route. Er schaut uns verdutzt an und verschwindet dann zwischen den Bäumen. Richtig idyllisch ist es hier, finde ich. Halbhohe Bäume säumen den Schotterweg. Sie kennzeichnen den jüngsten Teil des Rekultivierungsgebiets auf dem Lehrpfad.

„Besonders die Spitzen der Kiefern sind beliebte Sitzwarten vieler kleinerer Vogelarten,“ sagt Adam und wirft einen Blick durch ihr Fernglas. Ein guter Helfer, wenn man ornithologische Beobachtungen machen will.

Sich Zeit für die großen und kleinen Entdeckungen zu nehmen, lohnt. Wir werden schon beim Aufstieg fündig, Foto: LEAG

Doch nicht nur in der Luft, auch am Boden gilt es einiges zu entdecken. Denn zu den Naturbeobachtungen in der Bergbaufolgelandschaft gehört untrennbar die spezifische Flora. Noch beim Aufstieg weist mich die Naturliebhaberin auf eine hübsch anzusehende, gelbe Wildblume hin. „Kreuzkraut,“ urteilt sie mit einem geschulten Blick.

„Allein in Mitteleuropa zählt das Kreuz- oder Greiskraut mindestens 30 Arten. Insgesamt gibt es circa 1.250. Sie werden zu den artenreichsten Gattungen unter den Blütenpflanzen gezählt.“ Gut zu erkennen seien sie an den gelben Blütenköpfen, die zu mehrt zusammenstehen und auf verzweigten Blütenstängeln sitzen. „Aber Vorsicht,“ warnt sie mich. „Alle Kreuzkrautarten sind giftig.“

Kreuzkraut fällt durch seine leuchtend gelbe Farbe auf. Die Blüten des Korbblütlers besitzen häufig dreizehn Blütenblätter, je nach Art können es aber auch zwischen zehn und fünfzehn sein, Foto: Kerstin Adam

Beobachtungen am Aussichtspunkt

Nach einer Weile Fußmarsch erreichen wir den höchsten Punkt des Wolkenberges. Hier liegt eine Schutzhütte, von der aus wir einen phantastischen Ausblick haben. Schon beim Aufstieg fallen mir Stein- und Totholzhaufen auf, die sich überall in die Umgebung einfügen. „Das sind Elemente, die für Vögel und andere Tierarten besonders wichtig sind,“ sagt Adam. „Für viele Vogelarten dienen sie als Futter- und Sitzwarte.“

Anhand auffälliger Merkmale hilft das Bestimmungsbuch bei der Identifizierung unserer gefiederten Besucher, Foto: LEAG

Gerade biegen wir zum ehemaligen Ortskern Wolkenberg ab, als ein hochbeiniger, schlanker Vogel auf den Stein- und Totholzhaufen an der Schutzhütte auftaucht. Wir sind weit genug weg, damit sich das Tier nicht von uns gestört fühlt. Adam zückt ihr Fernglas und beobachtet den umherschwirrenden Besucher geduldig. Dann deutet sie in ihr Bestimmungsbuch. Es ist ein Steinschmätzer, der uns hier auf dem Wolkenberg Gesellschaft leistet.

„Steinschmätzer sind leider gefährdet,“ sagt Adam, als sie die kontrastreiche Färbung des kleinen Singvogels mit der ihres mitgebrachten Bestimmungsbuches vergleicht. „Eigentlich gibt es nur noch in Bergbaufolgelandschaften relativ gute Bestände. Ihre Lebensräume – offene, leicht bewachsene Flächen - schwinden. Solche Landschaften werden immer seltener. Aber hier fühlt er sich wohl.“ Als der Vogel seinen Aussichtspunkt verlässt, schweift unser Blick wieder über die hiesige Pflanzenwelt. „Strauch, weiße Blüten, Dornen – den kann man gut erkennen. Eine Schlehe. Und das hier ist eine Weide. Sie dient als erste Nahrung für die frühen Wildbienen,“ erfahre ich. Aber nicht bei allen Pflanzen ist sich die Naturliebhaberin so sicher, wie bei diesen beiden.

1/3 Hier im Bild: die männlichen Blüten der Lavendelweide, Foto: Kerstin Adam
2/3 Die weißen Blüten der Schlehe treiben noch vor dem ersten Blattgrün aus, Foto: LEAG
3/3 Totholzhaufen sind Strukturelemente in der Landschaft. Sie dienen als Versteck für überwinternde Schmetterlinge, Erdkröten, Igel, Reptilien, Käfer, Mäuse und andere einheimische Wildtiere, Foto: LEAG

Eine App für alle Fälle

Gibt uns zuerst Rätsel auf: Rotmoos-Mauerpfeffer, der sich auf dem Wolkenberg ein sonniges Plätzchen gesichert hat, Foto: Kerstin Adam

Nahe am Boden entdecken wir einen Teppich aus fleischigen, roten Kugelblättern, die flach am Boden mitten in der prallen Sonne wachsen. Adam ist sich nicht sicher und zückt ihr Smartphone. „Man kann ja nicht jede Art auswendig kennen.“ Sie zeigt mir eine Anwendung, die sie in solchen Fällen gerne zu Rate zieht. „Flora Incognita – eine Pflanzenbestimmungs-App. Einfach die Wuchsform wählen, die man sieht und die Blüten und Blätter der Pflanze fotografieren, die es zu bestimmen gilt. Die App gleicht dann die Fotos mit den vielen Bildern ihrer Datenbank ab. Und meistens ist sie erstaunlich genau.“

Adam zeigt mir das Ergebnis. Wir hocken hier vor Rotmoos-Mauerpfeffer, einer Pflanzenart aus der Gattung der Fetthennen. Er bevorzugt trockenen, steinigen Boden und gilt als sogenannter „Pionier“, was so viel bedeutet wie Erstbesiedler auf noch kaum bewachsenem Boden. Wieder was dazu gelernt - Die App ist eine echte Hilfe zur Selbsthilfe. Immerhin, so Adam, wachsen über 1.500 Pflanzenarten auf sogenannten mageren Böden.

Buchfink, Feldlerche & Co.

Impressionen vom Ornithologischen Lehrpfad, Foto: Kerstin Adam

Der Rundweg führt uns wieder den Wolkenberg hinab. Unsere Umgebung verändert sich. Zu unserer Linken erstreckt sich nun offenes Feld. Buchfink und Bluthänfling sitzen irgendwo in den Baumwipfeln der Douglasien rechts von uns und lassen ihren Gesang hören. Erspähen können wir sie aber nicht – ganz im Gegensatz zu den Feldlerchen, die im Überflug über den Feldern gut zu beobachten sind. Adam nennt den Singvogel „Charaktervogel der Felder“.

Die Feldlerche war 2019 sogar Vogel des Jahres. „Feldlerchen singen im Flug mit langgezogenen Trillern. Während sie fliegen, werden die schmalen, weißen Hinterränder der Flügel sichtbar. Daran kann man sie gut von anderen Lerchenarten unterscheiden.“ Wir können zusehen, wie die Feldlerchen ihren spezifischen Flug zur Schau stellen. Sie steigen weit nach oben, stehen dann eine Weile in der Luft und lassen sich im Anschluss bis kurz über den Erdboden nach unten fallen. Währenddessen reißt ihr Gesang kein einziges Mal ab.

 

1/5 Im Flug steigen Feldlerchen zwischen 50 und 100 Meter hoch, Foto: Kerstin Adam
2/5 Fernglas und Teleobjektiv helfen, möchte man die kleinen Sänger näher in Augenschein nehmen, Foto: Kerstin Adam
3/5 Die immergrüne Douglasie ist leicht an den Deckschuppen der Zapfen zu erkennen, deren Spitze dreizipfelig ist. Umgangssprachlich werden diese Spitzen auch als „Mäuseschwänzchen“ bezeichnet, Foto: LEAG
4/5 Unter anderem entdecken wir auch den Gewöhnlichen Reiherschnabel - Pionierpflanze und Sandzeiger. Den Namen erhielt sie nach dem Aussehen der ca. vier Zentimeter langen Grannen der Früchte, die einem Vogelkopf mit langem Schnabel ähneln, Foto: LEAG
5/5 Auf einer Löwenzahnblüte hat sich ein Reseda-Weißling Weibchen niedergelassen und lässt sich von unserer Anwesenheit gar nicht stören, Foto: Kerstin Adam

Abwechselnd beobachten wir mit dem Fernglas das Naturschauspiel, bis Adam mich auf einen Bewohner ganz anderer Natur aufmerksam macht.

Wo die Wildbienen wohnen

Dieses Mal ist es aber weder eine Pflanze, noch ein Vogel, den wir zu Gesicht bekommen. Die Kraftwerkerin hat eine Kreiselwespe entdeckt – eine der größten, einheimischen Grabwespenarten. Auch sie lebt in trockenwarmen Sandgebieten wie zum Beispiel Magerwiesen.

Dadurch, dass solche Sandflächen allerdings in Deutschland immer mehr verschwinden, ist auch ihr Bestand rückläufig. Sie sind stark gefährdet und stehen als besonders geschützte Art unter Naturschutz. In Brandenburg existieren allerdings immer wieder neu dokumentierte Sichtungen, auch dank der lockersandigen Böden der Region. „Ihr Name leitet sich von ihrem Verhalten ab,“ erzählt mir Adam, während wir unseren Weg fortsetzen. „Wenn Kreiselwespen ihre Brutröhren graben, drehen sie sich dabei schnell um ihre eigene Achse.“

Es ist nicht die einzige Insektenbeobachtung, die wir auf dem Lehrpfad machen. Bereits zum Anfang unserer Tour war unser Gespräch bei Wildbienen gelandet. Ungefähr 560 Wildbienenarten gibt es in Deutschland und nun treffen wir auf eine Vertreterin: eine Nomada Wespenbiene.

Nicht zu verwechseln: Im Gegensatz zu Wespen sind die Antennen und Beine von Wespenbienen typischer Weise rötlich gefärbt, Foto: Kerstin Adam

„Wildbienen haben eine charakteristische Flugzeit im Jahr. Dafür gibt es sogar einen Wildbienenflugkalender, der auch dabei hilft, die Bienenarten auseinander zu halten und zu identifizieren, die sich ähneln. Die ersten Arten, die bereits im März fliegen, profitieren von zeitig blühenden Pflanzenarten. Das kann man durch gezieltes Anpflanzen im eigenen Garten unterstützen.“

Der Schlehdorn, den wir bereits gesehen hatten, sei unter anderem solch eine zeitig blühende Pflanze. Aber auch andere Gehölze wie die Kornelkirsche, der Rote Holunder oder die Felsenbirne fielen in dieses Raster. Genau wie Frühblüher. Kleines Schneeglöckchen, Märzenbecher, Frühlingskrokus, Wilde Tulpe, Kleine Traubenhyazinthe und Geflecktes Lungenkraut ernähren früh fliegende Wildbienen und unterstützen so ihren Fortbestand.

Mit reichlich Naturbeobachtungen im Gepäck nehmen wir Abschied vom Ornitholigischen Lehrpfad am Tagebau Welzow-Süd, Foto: LEAG

Bis zum nächsten Mal

Ganz zum Schluss erwartet uns dann noch eine Überraschung. In einiger Entfernung taucht plötzlich das Kranichpaar auf, das uns zu Beginn unserer Wanderung begrüßt hatte. Graukraniche leben in „Dauerehe“, äußerlich sind Henne und Hahn allerdings kaum zu unterscheiden.

Wir haben noch einen Augenblick, um die stattlichen Vögel zu beobachten und ihrem Ruf zu lauschen, bevor sich das Paar in die Luft schwingt und mit ihrer Flügelspannweite von über zwei Metern über uns hinweg fliegt und verschwindet. Am Ende haben wir mit den „Vögel des Glücks“ tatsächlich noch Glück. Ein schöner Abschied.

... Wiedersehen garantiert, Foto: Kerstin Adam

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Juliane Krause

Autor

Juliane Krause

Schreiben war schon immer mein Steckenpferd, auch wenn mich meine Ausbildung in der Lausitz vorerst in die Welt des Bestellwesens verschlug. Erste journalistische Gehversuche waren mir dennoch bereits in der Auszubildendenzeitung STROMeo zuteil geworden und schon damals wusste ich: Das ist mein Metier! Als Quereinsteiger habe ich dann den Sprung in die externe Kommunikation gewagt. Meine mehrjährige Erfahrung im Unternehmen LEAG hilft mir nun als Redakteurin genauso weiter, wie meine Offenheit und dieses gewisse Quantum an Neugier, das mich seit jeher antreibt. Denn wie sagte bereits einer meiner liebsten Autoren: „Die Neugier ist die mächtigste Antriebskraft im Universum, weil sie die beiden größten Bremskräfte im Universum überwinden kann: die Vernunft und die Angst.“

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