Marcel Schröder

zur Person

Marcel Schröder

Ich arbeite seit 2007 beim Bergbautourismusverein „excursio“ der Stadt Welzow, bin Vereinsmitglied und seit zwei Jahren verantwortlich für das Tourenmanagement. Neben Organisationstalent sind Kreativität und manchmal auch ein erhebliches Maß an sozialer Kompetenz gefragt. Bei der Tourenentwicklung gilt es, immer einen Vorlauf zu haben. So arbeiten wir aktuell an neuen Touren, die wir in ein oder zwei Jahren in unser Programm aufnehmen werden. Dabei geht es vor allem um die Themen Altbergbau und Rekultivierung. Der Tagebau als Nachbar der Stadt Welzow ist für mich selbstverständlich. Schließlich bin ich hier aufgewachsen und möchte mit meiner Arbeit unseren Gästen die Möglichkeit geben, den Bergbau, aber auch den Wandel der Landschau hautnah erleben zu können, sind sie doch ein Stück unserer Geschichte, Gegenwart und Zukunft. 

Der Tagebau Welzow-Süd, rund 30 Kilometer südlich von Cottbus, ist einer von fünf aktiven Tagebauen in der Lausitz. Seit fast 50 Jahren wird dort Rohbraunkohle gefördert. Bis zu 20 Millionen Tonnen sind es jährlich. Doch wie wird sie abgebaut? Wie funktioniert so ein Tagebau überhaupt? Der Bergbautourismusverein Welzow hat für interessierte Besucher Touren entwickelt, die den Bergbau aber auch die Rekultivierung hautnah erleben lassen. Eine Tour im Tagebau heißt „Kohle, Sand und Bergmannshand“. Sie führt zu stählernen Riesen, schwarzem Gold und edlem Tropfen.

 Gleich rollt der Mannschaftstransportwagen in Richtung Tagebau, Foto: LEAG/Hartmut Rauhut

Mit einem „Glück auf“ begrüßt Gästeführerin Barbara Wittig uns Tour-Teilnehmer am „Alten Bahnhof“ von Welzow, dem heutigen excursio-Besucherzentrum. Mit dem Hinweis auf die „Heilige Barbara“ und mit einem Augenzwinkern stellt sie sich als Schutzpatronin für die rund dreistündige Tour vor. Und dann rollt der Mannschaftstransportwagen (MTW) auch schon in Richtung Tagebau.

Panoramablick am Fenster

Erste Station ist das sogenannte Welzower Fenster, ein Aussichtspunkt am Westufer des Tagebaus. Der Panoramablick ist atemberaubend und so fallen hier schnell Worte wie Mondlandschaft, gigantisch, unfassbar, kolossal, faszinierend, unglaublich. Am Horizont dampfen die Kühltürme des Kraftwerks Schwarze Pumpe, in dem die Welzower Kohle zu Strom wird. Auch Gut Geisendorf, das Kulturforum der Lausitzer Braunkohle, ist in der Ferne zu sehen.
Und Barbara Wittig zeigt auch auf die Schornsteine der ehemaligen Glashüttenwerke von Haidemühl. Sie werden dem Tagebau weichen müssen, wie einst schon die Dorfbewohner.

Das sogenannte Welzower Fenster ist die erste Station auf der Tour „Kohle, Sand und Bergmannshand“, Foto: LEAG/Hartmut Rauhut

Doch das eigentlich Gigantische liegt direkt zu unseren Füßen: der Tagebau Welzow-Süd mit einer Fläche von rund 80 Quadratkilometern. Und die Bagger oder wie der Bergmann sagt, die Tagebaugroßgeräte, wirken von hier oben wie Spielzeuge

 

Die F60 – der Goliath im Tagebau

Wie Spielzeug wirken die Tagebaugroßgeräte, Foto: LEAG/Hartmut Rauhut

Doch schon an der nächsten Tourstation entpuppen sich diese Spielzeuge als stählerne Riesen und lassen uns Menschen wie Zwerge wirken.

Der Schaufelradbagger 1519 SRs 6300 zum Beispiel, der das Deckgebirge aus Sand, Kies und Ton über der Kohle abträgt, ist rund 250 Meter lang, 60 Meter hoch und wiegt 6.800 Tonnen. Sein Schaufelrad hat einen Durchmesser von 17 Metern. „Und in eine Schaufel würden ein Trabant oder ein Polo locker reinpassen“, sagt Barbara.

Doch dieser Koloss ist eher kleinwüchsig im Vergleich zur Förderbrücke F60. Der Goliath unter den Tagebaugroßgeräten muss sich während unseres Besuches allerdings gerade einer Verjüngungskur unterziehen. Ansonsten tragen die Bagger der 500 Meter langen, bis zu 80 Meter hohen und 240 Meter breiten F60-Förderbrücke den Abraum über der Kohle ab.

Pro Stunde können es bis zu 18.000 Kubikmeter sein. Über die Brücke wird der Abraum dann quer über die offene Kohlegrube auf die Kippenseite des Tagebaus transportiert. Wir staunen: Was für ein Wunderwerk der Technik! Doch noch immer zeigt sich keine Kohle. Also wieder hinein in den Mannschaftswagen, der immer tiefer in den Tagebau rollt. 

Schwarzes Bollwerk in 130 Metern Tiefe

Die überdimensionalen Tagebau-Kolose hinterlassen einen bleibenden Eindruck bei den Touristen, Foto: LEAG/Hartmut Rauhut

Dann endlich, in rund 130 Metern Tiefe, offenbart sich sie sich uns – die Rohbraunkohle. Wie ein schwarzes Bollwerk wirkt das bis zu 16 Metern mächtige Flöz.

Ein 76-jähriger Rentner aus der Bodensee-Region kann kaum fassen, was er hier sieht: „Ich bin überwältigt“, schwärmt er und erzählt davon, dass er zwar jedes Jahr seine alte Lausitzer Heimat, besucht, aber das hier sei ein völlig neues Erlebnis.

„Lohnt sich denn der Abbau der Kohle überhaupt noch?“, wird Barbara Wittig gefragt. „Die erneuerbaren Energien haben zwar in den Stromleitungen die Vorfahrt, doch noch können wir auf den Kohlestrom nicht verzichten. Sein Anteil am deutschen Strommix beträgt derzeit 25,6 Prozent“, erklärt sie und verweist auch auf die vielen tausend Arbeitsplätze, die am Braunkohlenbergbau hängen.

Rebstöcke auf Kippengelände

Die Besucher lauschen Barbara Wittig und genießen den Blick über neue Kulturlandschaften. 26.000 Rebstöcke sorgen hier für edlen Tropfen, Foto: LEAG

Dennoch – so ein Tagebau, da sind sich alle einig, ist ein gewaltiger Eingriff in Natur und Landschaft. Dörfer verschwinden, Menschen verlieren ihre Heimat. Besonders deutlich wird das an der vierten Station der Tour – der Erinnerungsstätte für das Dorf Wolkenberg, das 1991 dem Tagebau weichen musste.

Vom Tagebau ist hier allerdings kaum noch etwas zu sehen. Die „Mondlandschaft“ wird rekultiviert. Denn der bergbauliche Eingriff in die Natur wird und muss von der LEAG ausgeglichen werden. Es entstehen neue Kulturlandschaften, Wälder, Felder, Seen. Freizeit- und Erholungsmöglichkeiten werden geschaffen.

Auf dem ehemaligen Kippengelände reift sogar edler Tropfen. Dort, wo einst das Dorf Wolkenberg stand, hat die LEAG 26.000 Rebstöcke gepflanzt. Auf sechs Hektar gedeihen seit 2010 u. a. Roter Riesling, Grauburgunder, Weißburgunder, Kernling, Schönburgunder, Cabernet, Dorsa und Rondo. Wir Touristen staunen und hätten gern ein Schluck vom Rebensaft probiert. „Den gibt es bei der Tour „Kohle, Wein und neues Land“, sagt Barbara und macht Appetit auf das Bergmannsvesper, das im nahen Gut Geisendorf, dem Kulturforum Lausitzer Braunkohle, auf uns wartet.

Bergmannsvesper auf Gut Geisendorf

Tourenmanager Marcel Schroeder sieht die rekultivierten Tagebauflächen als Chance und Heimat nachfolgender Generationen, Foto: LEAG

Die Tische vor dem Gutshaus sind reichlich und liebevoll gedeckt. Ob Grillwürste, Käse- und Wurstbrote, Spreewälder Gurken, Quark – alles ist nicht nur überaus köstlich. „Alle Produkte kommen auch ausschließlich aus der Region“, versichert Marcel Schroeder, während er die Bratwürste auf dem Rost wendet. Seit 2011 arbeitet der 35-Jährige beim Bergbautourismusverein Welzow, ist für das Tourenmanagement verantwortlich und kennt natürlich jede Tour, die der Verein anbietet.

Insgesamt sind 20 Routen im Programm. Ziel ist es, den Bergbau als ein Alleinstellungsmerkmal der Region den Besuchern näher zu bringen, Interesse für das industrielle Erbe zu wecken und einen fundierten Einblick in Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Bergbaus zu geben.

Dabei aber geht es nicht nur um eine Tagebaubefahrung. „Wir wollen auch zeigen, dass nach dem Bergbau Landschaften entstehen, die alles bieten um künftigen Generationen neue Heimat zu sein“, so Schroeder und er verrät, dass zum Thema Rekultivierung an neuen Exkursionen gearbeitet wird. Das Interesse an den Bergbautouren ist groß. Rund 13.000 Gäste aus ganz Deutschland, aber auch aus Dänemark und der Schweiz konnten im vergangenen Jahr begrüßt werden. In diesem Jahr rechnen die 40 Vereinsmitglieder und zehn Mitarbeiter mit rund 15.000 Besuchern. 

Netzwerk mit regionalen Partnern

„Wir haben in den vergangenen Jahren ein ordentliches Netzwerk mit regionalen Partnern aufgebaut, das wir ständig erweitern“, betont Vereinsvorsitzender Siegfried Laumen. „Das Verständnis der Tagebauleitung für die Arbeit unseres Vereins ist die Basis für unsere Arbeit. Dafür sind wir den verantwortlichen Bergleuten sehr dankbar.“

Bergbautour wandelt Meinungen

Dankbar sind auch wir Teilnehmer. Gut gestärkt verlassen wir mit dem MTW Gut Geisendorf. Rund drei Stunden konnten wir reinschnuppern in die Welt des Bergmanns und die der Rekultivierung. Vieles hat beeindruckt und nachdenklich gestimmt. Tourenmanager Marcel Schroeder kennt dieses Gefühl: „Ich erlebe fast täglich, wie überwältigt unsere Gäste von dem sind, was sie gesehen und erlebt haben. Nicht selten fahren sie mit einem anderen Bild und einer anderen Meinung wieder nach Hause.“

Unsere Schutzpatronin Barbara, die seit 2007 als Natur- und Landschaftsführerin im Lausitzer Revier unterwegs ist, kann dem nur beipflichten, und verabschiedet sich von uns am Besucherzentrum excursio in Welzow mit dem Gruß des Bergmanns: Glück auf!

Tourenbuchung

Sie sind an einer Exkursion interessiert? Auf der Seite vom Besucherzentrum excursio finden Sie alle Termine und Routen im Überblick.

Kontakt

Telefon: 035751 275050
Bergbautourismus-Verein „Stadt Welzow“ e. V.
Heinrich-Heine-Straße 2,  03119 Welzow
mailto:info(at)bergbautourismus(dot)de

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im Vattenfall Blog

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Gastautoren beim Seitenblick

Einige unserer Beiträge sind von Autoren verfasst worden, die nicht zu unseren Stammteam gehören. Danke für diese tolle Zusammenarbeit.

Im Einzelnen sind dies:

Bärbel Arlt: Pechofen-Fund in Nochten; Tagebau-Tour zu schwarzem Gold und edlem Tropfen; Von Miniküchen und Kräutergärten: Die Stiftung Lausitzer Braunkohle
Bianca Aurich: Filmkulisse Tagebau; Findlingspark Nochten - Besuchermagnet zu Ostern
Monika Krüger: Peitzer Karpen: Ein Leben lang Sommer
Ralf Krüger: Ein Leben zwischen Bergbau und Kulturbetrieb; Lausitzer Kirchentag: Weg in die Zukunft
Alisa Dorin Schmidt: Architekturpreis für eine bewegte Landschaftsarchitektin
Silvia Teich: Artenvielfalt auf der Tagebau-Kippe

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