24.05.2019

Braunkohlerevier und Greifvögel – auf den ersten Blick zwei Themen, die scheinbar gar nichts miteinander zu tun haben. Wie die Koexistenz zweier so unterschiedlicher Welten funktioniert, erfahre ich von Doreen Nagel, Mitarbeiterin des Naturschutzmanagements der LEAG. Mit ihr und dem Horstschutzbeauftragten Silvio Herold, dem ich bei seiner Arbeit über die Schulter schauen darf, besuche ich eine Brutstätte des größten einheimischen Greifvogels Deutschlands: des Seeadlers.

„Greifvögel“, so erklärt mir Nagel, „sind an allen LEAG-Standorten ein Thema.“ Gerade fahren wir die schmale Betriebsstraße am Tagebau Jänschwalde entlang – zu unserem Treffpunkt mit den Vogelspezialisten, die heute einen Jungvogel beringen wollen. Während wir reden, sehen wir einen Mäusebussard, der sich entspannt auf einer der Leitplanken am Straßenrand niedergelassen hat. Er blickt uns interessiert nach. Ein Zweiter zieht weiter oben in der Luft seine Bahn. Nagel macht mich auf die beiden aufmerksam und richtet ihre Aufmerksamkeit dann wieder auf die Straße. „In den Revieren sind überall Greifvögel unterwegs“, erzählt sie mir.

Eine Heimat für Falke & Co.

Wanderfalken sind heute wieder Stammgäste im Braunkohlerevier, Foto: Andreas Neuthe

Insbesondere seien Turm- und Wanderfalken zu sehen, aber auch Fisch- und Seeadler. Selbst einige Uhupaare seien gesichtet worden. Ornithologen observieren die im unmittelbaren Umfeld der Tagebaue und Kraftwerke lebenden Tiere regelmäßig. „An vielen Kraftwerksstandorten sind beispielsweise an den Kesselhäusern in über 70 Meter Höhe Nistkästen und -körbe für die Wanderfalken angebracht. An den Standorten der LEAG beobachten wir schon seit vielen Jahren Brutpaare. Dabei war diese Vogelart in Deutschland in den 1970er Jahren fast ausgestorben. DDT, ein bis dato übliches Insektizid, führte dazu, dass Greifvögel Eier mit dünnerer Schale legten. Der Einsatz dieser Chemikalie wurde in den 1980er Jahren eingestellt. Dank dieses Umstands und des Engagements vieler Ornithologen hat sich ihre Population erholt.“ Dieses Beispiel zeigt: Ob tierische Rettungsaktionen für verletzte Turmfalken, das Anbringen von Nistkästen durch die Werkfeuerwehr oder deutsch-polnische Wanderfalkenliebe - Greifvögel sind seit Jahrzehnten Teil des Alltags in Lippendorf und im Lausitzer Revier.

1/3 Die Werkfeuerwehr installiert einen Nistkorb am Kraftwerk Boxberg, Foto: LEAG
2/3 Am Kraftwerk Jänschwalde werden junge Wanderfalken beringt, Foto: LEAG
3/3 Ein Nistkasten für die Falken, Foto: LEAG

Seeadlerschutz wird groß geschrieben

Damit die Brut gelingt, werden um die Seeadlernester Horstschutzzonen eingerichtet, Foto: Dr. Winfried Nachtigall

An diesem Tag werden wir auf einen besonderen Vertreter dieser Gattung treffen – den Seeadler. Er ist mit seinen bis zu 2,6 Meter Flügelspannweite und einem Gewicht zwischen fünf und sieben Kilogramm der größte europäische Greifvogel. „Er ist streng geschützt“, sagt mir Nagel. „Gemäß Brandenburgischen Naturschutzgesetz steht die Fortpflanzungsstätte, also der Standort des Adlernestes, unter Schutz. In diesen sogenannten Horstschutzzonen dürfen während der Brutzeit bestimmte Arbeiten, wie zum Beispiel das Fällen von Bäumen, nicht stattfinden. An diese Vorschriften, sowie die Vorgaben des Bundesnaturschutzgesetzes und die EU-Vogelschutzrichtlinie halten wir uns strikt“, sagt sie. „Im Jahr 2011 fanden wir im Vorfeld des Tagebaus Jänschwalde einen besetzten Seeadlerhorst vor. Es wurde eine Horstschutzzone ausgewiesen, damit das Paar noch einige Jahre unbehelligt seinen Nachwuchs aufziehen konnte,“ erzählt Nagel weiter. „Nach der Brut 2016 musste schließlich der Standort für den Tagebau in Anspruch genommen werden und das Nest wurde entfernt. Alle Maßnahmen haben wir mit Erlaubnis und in enger Abstimmung mit der zuständigen Naturschutzbehörde umgesetzt. Danach wurden das Vorfeld und das nähere Tagebauumfeld kontrolliert. Es war uns wichtig sicherzugehen, dass sich die Seeadler andernorts wieder ansiedeln. Das ist seit 2017 der Fall. Wir haben regelmäßige Bruterfolge und sind sehr froh darüber“, fügt sie noch hinzu, als unser Treffpunkt in Sicht kommt. Wir biegen auf den schmalen Parkplatz ein, wo Herold uns bereits erwartet. Bei ihm ist Doktor Winfried Nachtigall, Geschäftsführer des Fördervereins Sächsische Vogelschutzwarte Neschwitz e. V. und wie sein Kollege Mitglied verschiedenster Vogelschutzvereine. Die beiden Männer räumen gerade ihre Hilfsmittel aus dem Geländewagen, als wir aussteigen. Helm, Kletterausrüstung, mehrere Taschen. Das wird spannend, denke ich.

Querfeldein zum Seeadlerhorst

Auf dem Weg zum Seealderhorst mit Silvio Herold und Doreen Nagel, Foto: LEAG

Nach der Begrüßung lassen wir den Parkplatz hinter uns und stapfen querfeldein in den Wald. Der Boden ist nass, aber wenigstens hat es aufgehört zu regnen. Nachtigall geht voran. Er ist mit seinen olivgrünen Gummistiefeln bestens auf die Witterung vorbereitet, stelle ich neidisch fest. Um mich von meinen durchgeweichten Schuhen abzulenken, wende ich mich an Herold, der neben mir läuft. Wie lange er und Nachtigall das schon machen, will ich wissen. „Seit 1996, 1997.“, sagt er. Zu DDR-Zeiten habe er damit aber bereits angefangen. Damals war es nur ein Hobby, doch wer sich für Vogelkunde interessiert und engagiert habe, kam automatisch auch irgendwann zum Beringen. „Man macht Lehrgänge mit, auch zum Klettern. Das ist notwendig. Und dann darf man loslegen. Das mache ich bis heute – allerdings nur ehrenamtlich in meiner Freizeit, so wie es meine Zeit zulässt. Dabei sind mir die Seeadler besonders wichtig. Für diese Tiere nehme ich mir gerne die Zeit“, erklärt er.

Das Küken wird von Dr. Winfried Nachtigall sicher zum Erdboden herabgelassen, Foto: LEAG

Am Fuß einer hohen Kiefer halten wir schließlich an. „Hier ist es“, sagt Herold und deutet nach oben in die Baumkrone. Ich kann zwischen den weiten Ästen des Baumes ein dunkles Knäul erkennen. Das muss der Adlerhorst sein. Während der Vogelkundler eine weiße Plane auf dem Boden ausbreitet und Instrumente aus seiner Tasche holt, macht sich Nachtigall an den Aufstieg. Mit einem Sicherungsseil klettert er geübt an dem langen Stamm empor. „Etwa 23 Meter dürfte der Baum hoch sein“, schätzt Herold. Kleinere Äste fallen nach unten und unsere am Boden verbliebene Gruppe nimmt einen respektvollen Sicherheitsabstand ein. Als Nachtigall das Nest erreicht, das bei Seeadlern einen Durchmesser von zwei Metern und ein Gewicht von bis zu 600 Kilogramm erreichen kann, geht alles sehr schnell. Schon nach wenigen Minuten wird an der Seilkonstruktion ein Sack heruntergelassen, den wir in Empfang nehmen. In ihm befindet sich das Seeadlerküken, das heute seine Ringe erhalten soll. Ob die Eltern des Kleinen nicht sauer werden, wenn ihr Küken aus dem Nest verschwindet, frage ich besorgt. Aber Herold schüttelt den Kopf. „Das Jungtier ist ungefähr 35 Tage alt. In dem Alter bleiben die Jungen schon länger allein. Die Altvögel kommen nur noch zwei Mal am Tag zum Nest. Da brauchen wir uns keine Sorgen machen“, versichert er mir.

Der kleine Adler ist schon mitten in der Mauser. Das weiche Flaumfederkleid weicht langsam dem ersten richtigen Gefieder, Foto: LEAG

Das Seeadlerküken wird beringt

Zuerst bekommt der kleine Adler seine Ringe verpasst, die ihn zukünftig identifizieren sollen. Auch die Zahl der Jungtiere wird so bestimmt und wie alt die Vögel werden, kann man so zweifelsfrei feststellen.

Ist das Küken beringt, darf es zurück in sein Nest, Foto: LEAG

„Leider haben wir dieses Jahr wenig Bruterfolg“, sagt der Fachmann. „Die Gründe dafür sind vielfältig. Es ist bisher recht kalt, das hat auch Einfluss. Insgesamt entwickelt sich die Seeadlerpopulation aber positiv. Die eigentliche Brutzeit beginnt schon zwischen Mitte Februar und Anfang April. Etwa 38 bis 40 Tage brüten Männchen und Weibchen abwechselnd, dann schlüpfen die Jungen und werden etwa drei Monate von den Eltern versorgt. Im Herbst verlassen sie dann das Elternrevier. Frühestens nach drei Jahren sind die Jungadler dann geschlechtsreif. Sie suchen sich ihr eigenes Revier, einen Partner mit dem sie dauerhaft zusammenbleiben und bauen dann ihr eigenes Nest, dem sie oft über Jahrzehnte treu bleiben.“ Herold beginnt das Küken zu untersuchen, das die Prozedur erstaunlich klaglos über sich ergehen lässt. Er vermisst Klauen und Schnabel des kleinen Seeadlers genau und trägt alles in einen Vordruck ein. Später kann man die Daten anhand von Tabellen auswerten und dadurch das Geschlecht des Seeadlers bestimmen. Dank seiner Erfahrung ist sich der Ornithologe aber schnell sicher: „Hier haben wir ein Männchen. Das sieht man an den etwas schlankeren Beinen. Seeadlerweibchen sind kräftiger und haben einen größeren Schnabel, als die Männchen.“ Ich verkneife mir einen Kommentar und sehe zu, wie er den jungen Vogel schließlich noch wiegt. 3,78 Kilogramm bringt das Küken auf die Waage. „Er ist gut ernährt,“ stellt Herold fest. „Das liegt sicherlich an der üppigen Nahrungsgrundlage der Umgebung, viele Feldhasen und Fische“, mutmaßt der Vogelexperte. Aas verschmähen die Greifvögel aber auch nicht, wie die Reste eines Wildschweins beweisen, die Nachtigall im Adlerhorst findet. Nach einer knappen halben Stunde ist der Spuk dann schließlich vorbei und der kleine Adler darf wieder zurück in sein Nest. Nach einem Abschiedsschnappschuss in luftiger Höhe erreicht Nachtigall den Erdboden wieder sicher und die Männer packen zusammen. Sie zeigen sich zufrieden. Alles hat planmäßig funktioniert. Jetzt heißt es zurück zum Wagen, denn die Vogelkundler wollen heute noch einen zweiten Adlerhorst im Umfeld des Tagebaus Welzow-Süd besuchen. Hoffentlich treffen sie auch dort auf gesunden Seeadlernachwuchs.

1/6 Trotz fremder Eindrücke bleibt der junge Seeadler ruhig und lässt sich untersuchen, Foto: LEAG
2/6 Die Beringung der Seeadler dient dem Artenschutz, Foto: LEAG
3/6 Wohlgenährt und kerngesund ist dieses männliche Seeadlerküken, Foto: LEAG
4/6 Nachdem er beringt ist und vermessen wurde, geht es für den Jungvogel mit dem Transportbeutel zurück ins Nest, Foto: LEAG
5/6 Und auch die Kletterpartie endet wieder mit beiden Beinen auf dem Boden, Foto: LEAG
6/6 Geschafft! Home, sweet home! Foto: Dr. Winfried Nachtigall

Lesen Sie zum Thema Vogelschutz auch unseren Beitrag Jeep-Safari ins Revier der Vögel.

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Autor

Juliane Krause

Schreiben war schon immer mein Steckenpferd, auch wenn mich meine Ausbildung in der Lausitz vorerst in die Welt des Bestellwesens verschlug. Erste journalistische Gehversuche waren mir dennoch bereits in der Auszubildendenzeitung STROMeo zuteil geworden und schon damals wusste ich: Das ist mein Metier! Als Quereinsteiger habe ich dann den Sprung in die externe Kommunikation gewagt. Meine mehrjährige Erfahrung im Unternehmen LEAG hilft mir nun als Redakteurin genauso weiter, wie meine Offenheit und dieses gewisse Quantum an Neugier, das mich seit jeher antreibt. Denn wie sagte bereits einer meiner liebsten Autoren: „Die Neugier ist die mächtigste Antriebskraft im Universum, weil sie die beiden größten Bremskräfte im Universum überwinden kann: die Vernunft und die Angst.“

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