05.06.2020

Es ist kaum 15 Jahre her, dass der erste Vorschnittbagger des Tagebaus Welzow-Süd in das Gebiet der Geisendorf-Steinitzer Endmoräne eindrang. Teile der „Steinitzer Alpen“, wie sie von den Lausitzern genannt werden, wurden in der Folge für Kohlegewinnung und Energieerzeugung vom Tagebau in Anspruch genommen. Doch nun wachsen an gleicher Stelle wieder Hügel aus dem Boden – eine Landschaft von Bergleuten nach dem eiszeitlichen Vorbild geplant und von Menschenhand geformt. Was Besucher bislang nur vom Aussichtspunkt am Gut Geisendorf aus beobachten durften, das können sie in diesem Sommer nun erstmals auch zu Fuß erkunden.

„Betreten verboten! Betriebsgelände!“ Die warnenden Hinweisschilder, die bis vor kurzem noch das Rekultivierungsgelände am Rande des Gutes Geisendorf absperrten, sind verschwunden. Quasi über Nacht. Stattdessen findet der Besucher jetzt eine Eingangsbeschilderung, die ihn freundlich einlädt, sich selbst ein Bild von der Rekultivierung nach dem aktiven Tagebau zu machen. Und wo ginge das in dieser Gegend besser als vom höchsten Punkt eines Berges.

Waldstaudenroggen säumt die ersten Meter des Weges, Foto: LEAG

Wandern durch Waldstaudenroggen

Der neue Weg führt vom Gut in die Bergbaufolgelandschaft, Foto: LEAG

Der nun für die Öffentlichkeit zugängliche Weg führt also von Gut Geisendorf vorbei am neu angelegten Gutsteich und der wachsenden Allee der Bäume des Jahres mit Esskastanie, Flatterulme und bald auch Robinie, dann an Feldern mit Waldstaudenroggen (einer Art Urgetreide) hinauf auf den Geisendorfer Berg. Er ist mit knapp 150 Metern über dem Meeresspiegel immerhin auf Platz 15 der höchsten Erhebungen im Land Brandenburg. Aufgeschüttet hat ihn der Absetzer des Tagebaus, der wiederum über ein kilometerlanges Förderband mit ausgesuchtem Oberflächenmaterial aus dem aktuellen Vorschnitt versorgt wird. Das ist die Grundlage der späteren Landschaftsgestaltung und Rekultivierung.

Der Bergbau ist auf dem Wege präsent, Foto: LEAG

„Ziel unserer Rekultivierung ist am Ende die bereits mit dem Braunkohlenplan vorgegebene Wiedernutzbarmachung der Bergbaufolgelandschaft für die Land- und Forstwirtschaft, für den Naturschutz oder auch zur Naherholung wie hier bei Geisendorf“, erklärt Ralf Agricola, Leiter der Rekultivierung bei der LEAG. „Darum freuen wir uns immer, wenn wir den Menschen, die lange Zeit mit dem benachbarten aktiven Tagebau und den damit verbundenen Beeinträchtigungen gelebt haben, wieder etwas zurückgeben können. Damit zeigen wir auch, dass wir mit dem Land, das sie uns vorübergehend zur Kohlegewinnung und Stromerzeugung überlassen haben, verantwortungsvoll umgehen.“

Der Blick vom Aussichtspunkt auf Neupetershain, Foto: LEAG

Vom Aussichtspunkt Geisendorfer Berg aus, haben die Besucher nun alles im Blick: die Wiederherstellung und Gestaltung der Landschaft mit Absetzer, Baggern und Planierraupen; ihre Inbesitznahme durch neues Grün, den Aufwuchs von Wiesen, Sträuchern und Bäumen. Auf dem 600 Hektar großen Renaturierungsgebiet am Tagebau Welzow-Süd ist der einstige Höhenzug der Geisendorf-Steinitzer Endmoräne nachempfunden worden. Zu ihm gehören neben dem Geisendorfer Berg auch der Steinitzer Berg (165 Meter hoch) und der Wolkenberg (135 Meter hoch) mit dem Weinhang, der inzwischen auch als Markenname für einen hervorragenden Lausitzer Landwein bekannt ist.

 

Animationsfilm zu den neuen Wegen durch die Steinitzer Alpen via youtube, Film:LEAG

Die Rückkehr zum Lausitzer Mischwald

40 Prozent Waldfläche in der Rekultivierung in Welzow werden Laubbäume wie hier, Foto: LEAG

Konzipiert ist das Areal als gestaltete Offenlandfläche, die in einen naturnahen, lausitztypischen Mischwald übergeht. „Die Rückkehr zum Lausitzer Mischwald anstelle der erst im vergangenen Jahrhundert entstandenen Kiefern-Monokulturen – das ist nicht nur Vorgabe des Braunkohlenplans, sondern ein klarer Anspruch unserer Rekultivierung, den wir da, wo es die Bodenverhältnisse hergeben, in einem Verhältnis von 60 zu 40 umzusetzen versuchen“, erklärt Ralf Agricola. „In der Welzower Rekultivierung sind die Bodenverhältnisse sogar so gut, dass wir einen Anteil von 70 Prozent Laub- zu 30 Prozent Nadelbäumen haben. 40 Prozent der Laubbäume sind Eichen, aber man findet hier auch Ahorn, Esche, Ulme und Robinie.“

Ralf Agricola, Leiter der Rekultivierung bei der LEAG auf dem neuen Weg, Foto: LEAG

Was der Besucher selbst mit Adleraugen von seinem Ausblick nicht erkennen kann, ist eine Leistung der landschaftlichen Wiedernutzbarmachung, die unter der Erde ihren Ausgang nimmt. Denn auch ein Teil des Quelleinzugsgebietes der Steinitzer Alpen wurde durch den Tagebau überbaggert. Die Steinitzer Quelle war bis zum Eingriff durch den Tagebau aus einem unterirdischen Quellkessel, der das Oberflächenwasser sammelte, gespeist worden. Bis diese riesige Wanne durch die Bergleute wieder hergestellt worden war (mit 230.000 Kubikmetern Flaschenton wurde der zerstörte Teil neu modelliert und abgedichtet), musste die Steinitzer Quelle durch künstliche Wasserzufuhr am Leben erhalten werden. Inzwischen sammelt sich wieder das Regenwasser in der unterirdischen Wanne und die Quelle wird bald wieder ihre Aufgabe aus eigener Kraft übernehmen können.

Sieben Sisyphos-Figuren des Cottbuser Künstlers Steffen Mertens werden den Weg künftig zieren, Foto: LEAG

Ein Sisyphos kommt durch

Siegfried Laumen mit einer der Sisyphos-Statuen, Foto: LEAG

Manche, die diesen Teil der Steinitzer Alpen vor dem Tagebau kannten, sagen freilich, so wie jetzt sei der Geisendorfer Berg vorher nicht gewesen, da sei es viel steiler hinaufgegangen, weiß Siegfried Laumen zu berichten. Er ist Markscheider bei der LEAG und außerdem Leiter von Gut Geisendorf, dem Kulturforum der Lausitzer Braunkohle, dass jährlich einige Tausend Besucher am Tagebaurand begrüßt.  Er antwortet auf diesen Einwand, dass anders als nach der Eiszeit der Berg ja auch nicht Millionen Jahre brauchen soll, bevor er standsicher und begehbar ist. „Und die Höhe stimmt auf jeden Fall“, fügt er hinzu.

Siegfried Laumen hat die Entwicklung vor „seiner Haustür“ beobachtet, seit 2007 der erste Bagger vor Gut Geisendorf auftauchte und spricht respektvoll von dem, was die Bergleute hier hinterlassen haben. Er hat sich auch dafür eingesetzt, dass hier auf der so genannten Sondernutzungsfläche Geisendorfer Berg ein sinnreiches Kunstprojekt umgesetzt wird.

In der Lehrwerkstatt wurden die Statuen von den LEAG-Azubis hergestellt, Foto: LEAG

Die ersten zwei Sisyphos-Figuren des Cottbuser Künstlers Steffen Mertens, entstanden mit Hilfe der LEAG-Ausbildungswerkstatt in Schwarze Pumpe, sind schon da. Später werden es einmal sieben sein, die sich an den Findlingen (Gesteinsbrocken, die die Eiszeit aus Skandinavien in die Lausitz gebracht hat) abarbeiten, sie schieben, stemmen, dabei manchmal die Richtung verfehlen. Sie symbolisieren hier die schwere und verantwortungsvolle Arbeit der Bergleute bei der Gestaltung neuer Landschaften. Und deshalb gibt es am Geisendorfer Berg, anders als in der griechischen Sage, ein gutes Ende. „Von unseren sieben Sisyphossen wird einer es schaffen, und der kann dann auf dem Berg ausruhen und die Früchte seiner Arbeit genießen“, verrät Siegfried Laumen.

Eine weitere Öffnung eines Rekultivierungsgebietes am Tagebaurand ist übrigens noch für den Sommer 2020 geplant, dann soll man neue Wege auch am Fuße des Schweren Berges in Weißwasser erkunden können.  

Die den Weg begleitenden Feldsteinmauern, die für die typisch für die ursprüngliche dörfliche Bebauung in Geisendorf waren, erinnern den umgesiedelten Ort. Den Umsiedlungsstandort in Neupetershain kann man vom Geisendorfer Berg aus an dem markanten Wasserturm erkennen, Foto: LEAG

Erinnerungen an das alte Geisendorf

Der alte Ort Geisendorf, der 1455 zum ersten Mal erwähnt wurde, ist 2001 mit 42 Einwohnern an einen neuen Standort in Neupetershain umgesiedelt worden. Doch die Erinnerung an ihn lebt – nicht nur durch das erhaltene Gutshaus am Tagebaurand, sondern auch mitten in der Rekultivierung. Einer der Vorbesitzer des Gutes hatte hier Esskastanien angepflanzt, was Geisendorf im ganzen Welzower Umfeld zu einer Besonderheit machte. Viele der Bäume mussten dem Tagebau weichen, doch der Bergbaubetreiber kam seiner Verpflichtung nach, ihr Erbgut zu sichern. Inzwischen sind daraus etwa 9000 Esskastanienbäume als Nachkommen hervorgegangen, die in der Rekultivierung und im Welzower Umfeld gepflanzt worden sind. Immer noch ein Alleinstellungsmerkmal.

Der Weg, der zum Geisendorfer Berg hinaufführt, wird teilweise von Feldsteinmauern begleitet. Sie sind  typisch für die ursprüngliche dörfliche Bebauung in Geisendorf und erinnern an den umgesiedelten Ort. Den Umsiedlungsstandort in Neupetershain kann man vom Geisendorfer Berg aus an dem markanten Wasserturm erkennen.

Der Weinberg Wolkenberg trägt zwar den Namen eines anderen umgesiedelten Ortes, er geht aber ebenfalls auf Geisendorf zurück. Dort ist nämlich in Karten von 1850 ein Weinhang erwähnt. Der Braunkohlenplan gab dem Bergbaubetreiber auf, in geeigneter Weise an den Weinbau in Geisendorf zu erinnern. Und was wäre eine bessere Erinnerung als ein neuer Weinberg als Teil der Steinitzer Alpen?

 

 

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Autor

Thoralf Schirmer

Nachdem ich 20 Jahre als Lokaljournalist in der Lausitz gearbeitet habe, kam ich 2011 als Pressesprecher ins Unternehmen. Seitdem begleite ich alle Themen aus der Region zusammen mit meinem Team.

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