17.07.2015
Siegfried Laumen

zur Person

Siegfried Laumen

Seit acht Jahren organisiere ich hier auf Gut Geisendorf Ausstellungen, Konzerte, Familientage und Zusammenkünfte aller Art. Nebenbei bin ich Mitglied im Bergbautourismusverein in Welzow und darüber hinaus erfüllt mich mein Berufsalltag in der Tagebauplanung bei der LEAG in Cottbus. Als Bergarbeiterkind kam ich mit meinen Eltern in die Lausitz, wurde später selbst Bergmann und dann auf Umwegen zum Veranstaltungsmanager und Kunstsachverständigen. Inzwischen sehe ich mich als Vermittler: Ich bringe auf Gut Geisendorf unterschiedliche Menschen zusammen. Hier treffen sich Künstler, Bergleute und Umsiedler um den Augenblick mit Musik, Kunst oder Literatur zu genießen. Mein Ziel ist es, diesen Ort der Begegnung und Verständigung lange zu erhalten. Ich habe noch viele Ideen, um auch die nachfolgende Generation zu gewinnen und unser Kulturforum in Richtung Selbstständigkeit zu entwickeln. Das Gut ist ein Teil von mir geworden. 

Siegfried Laumen macht Kunst an der Kante. An der Tagebaukante. Er holt Maler und Musiker nach Gut Geisendorf. Dort treffen sie auf Bergleute und Umsiedler.

Es hätte alles ganz anders kommen können: Hätte Klaus Trende, der Vorgänger von Siegfried Laumen, als Leiter von Gut Geisendorf einfach weitergemacht, dann gäbe es dieses Porträt nicht. Das wäre schade, denn wir befinden uns an einem magischen Ort: Gut Geisendorf.

Und wir sprechen mit einem Bergmann, der auf Umwegen zum Veranstaltungsmanager und Kunstsachverständigen wurde. Im Nebenjob. Im Hauptjob ist er Mitarbeiter in der Tagebautechnologie bei der LEAG in Cottbus. Die LEAG und sein Vorgängerunternehmen Vattenfall unterstützen das Gut seit 18 Jahren als aktiver Partner.

Vermittler zwischen den Welten

In die Öffentlichkeit will der eher zurückhaltende Laumen eigentlich nicht. Wollte er nie. Aber da steht er nun mal. Und das ist gut so. Denn Laumen ist das, was die Zeit braucht. Ein Vermittler. Einer, der unterschiedliche Menschen zusammenbringt. Mit Musik. Mit Bildern. Mit Gesprächen. Und oft, indem er einfach nur zuhört. „Das ist etwas, was wir verlernt haben. Wir kommunizieren immer und überall. Dabei verlernen wir, etwas auf uns wirken zu lassen“, so Laumen.

Tiefstapler mit Organisationstalent

Siegfried Laumen leitet seit acht Jahren Gut Geisendorf, das Kulturforum der LEAG in der Lausitz. Von Ende März bis Ende Oktober finden hier Ausstellungen, Konzerte, Familientage und Zusammenkünfte aller Art statt. Der 53-Jährige stellt das komplette Programm auf, bucht Künstler, organisiert den Rahmen und die Versorgung, steht ganz nebenher dem Bergbautourismusverein in Welzow vor – und macht nach wie vor seine Arbeit in der Tagebauplanung der LEAG in Cottbus. Doch auch die Fülle dieser Aufgaben bringt ihn nicht aus der Ruhe. „Naja, viele Künstler kommen von sich aus auf uns zu, weil sie die Atmosphäre schätzen. Und das Publikum ist auch treu. Da muss man gar nicht so viel machen.“

Gut Geisendorf bietet ein buntes Programm, Foto: LEAG

Musik, Kunst, Literatur

Nicht viel machen? Laumen stapelt tief. Fast 50 Einzelveranstaltungen gibt es in dieser Saison auf Gut Geisendorf. Vom Musiksalon über die Ausstellung bis zum Sommerfest, vom Puppenspiel über das Literaturforum bis zum Kunstmarkt. Nicht zu vergessen die Gesprächsrunden nach den sonntäglichen Ausflügen mit dem Bergbautourismusverein. „Stimmt schon, ich bin eigentlich jeden Sonntag hier“. Eine Familie die wartet gibt es nicht. Sein Ort der Begegnung ist nicht das Wohnzimmer, sondern das Gut. Oder der „Bahnhof“. Gemeint ist das Besucherzentrum „excursio“ des Bergbautourismusvereins im einstigen Welzower Bahnhof. Noch so ein Ort der Veränderung.

Veränderung als Lebensthema

Siegfried Laumen führt ein Leben zwischen Bergbau und Kulturbetrieb, Foto: LEAG

Veränderung ist ein großes Thema in Siegfried Laumens Leben. Der Vater aus der Eifel, die Mutter aus Bayern, irgendwann hat es die Eltern in die Lausitz verschlagen. „Ich bin das klassische Bergarbeiterkind“. In Spreetal groß geworden, war der Tagebau für ihn ebenso ein Teil des Lebens wie das DDR-Gaskombinat Schwarze Pumpe, ein Gigant unter den Energieerzeugern. Laumen wohnt in Cottbus, ist aber permanent unterwegs. Nach der Berufsausbildung und dem Einstieg bei der damaligen LAUBAG hat er ein Studium begonnen, es später aber sausen lassen. „Ich war Arbeitsgruppenleiter in der Reprografie, das war damals schon was. Und da blieb nicht viel Zeit für das Fernstudium.“ Reue? Nein. Soziologischen und psychologischen Phänomenen begegnet er auch heute jeden Tag.

Vom Gut zum Kulturforum

Die Sonnenuhr wurde aus Findlingen und Edelstahl gefertigt, Foto: LEAG

Veränderung sieht man auch dem Ort an. Um 1600 errichtet wurde das Gut später mehrfach umgebaut und erweitert. Eigentümer waren verschiedene Adelsfamilien, zuletzt Hansen Burscher von Saher.

 

 

Im Zuge der Bodenreform wurde das Gut verstaatlicht, diente als Bühne für Dorffeiern, verfiel aber zusehends. Das Gebäude stand vor dem Abriss, als der Tagebau Welzow-Süd nahte. Doch die Tagebauplanung wurde geändert, das Gut blieb stehen.

Anders als die knapp 20 Häuser, in denen die Geisendorfer wohnten. Sie wurden 2001 nach Neupetershain umgesiedelt. Bereits 1996 kaufte die Lausitzer Braunkohle AG das Haus. Es wurde zum Kulturforum, die Geisendorfer kommen heute noch hierher. Inzwischen ist es nicht nur ein traumhafter Ort für Kulturevents, sondern auch Informationszentrum und Aussichtspunkt.

Probleme der Lausitz verdichtet

Besucher werder auch über eine Tafel vor Ort informiert, Foto: LEAG

Im Sommer 2009 schwenkte der Bagger unmittelbar am Gut vorbei – ein groteskes Bild. Laumen machte daraus eine „Zwischentraumzeit“: Vor der Kulisse des 60 Meter hohen Vorschnittbaggers lauschten hunderte Zuhörer unter anderem der Gruppe Bayon. Es schien, als halte der Ort den Atem an. Inzwischen ist der aktive Tagebau am Gutshaus vorbeigezogen – und sorgt aber weiter für Diskussionen. „Hier verdichten sich die Probleme der Lausitz“, so der Cottbuser. Einstige Umsiedler aus den Tagebaugemeinden kämen ebenso ins Gut wie LEAG Mitarbeiter oder Kulturinteressierte aus der gesamten Lausitz. Und hin und wieder kämen auch „Ausgewanderte“ hierher, die in den 1990-er Jahren in der Lausitz keine Arbeit mehr fanden und inzwischen in Bayern oder Baden-Württemberg leben. „Man ist hier Organisator und Kurator, manchmal aber auch nur Ansprechpartner und Sozialarbeiter“, sagt Laumen.

Ohne Zuwanderung keine Chance

Wirklich traurig macht Laumen ein anderes Thema. „Wenn ich sehe, wie in diesem Land über Zuwanderung diskutiert wird, dann packt mich die Wut.“ Die Augen werden schmal als er das sagt, die Augenbrauen wandern aufeinander zu. Er kommt viel mit regionalen Politikern ins Gespräch und kennt die Stimmungslage. „Da wird Migration überwiegend als Problem wahrgenommen, aber nicht als Selbstverständlichkeit oder gar Chance.“ Und das in einer Region, die ohne Zuwanderung auszusterben droht.

Unsicherheit mit Ideen begegnen

Aber Verzagen ist nicht sein Ding. Lieber bereitet Laumen den Boden dafür, dass Gut Geisendorf auch künftig ein Ort der Verständigung bleibt. „Bei aller Unsicherheit, die das Braunkohlengeschäft momentan mit sich bringt, müssen wir das Kulturforum in Richtung Selbstständigkeit entwickeln.“ Ideen hat er viele, nicht alle sind spruchreif. Hoffnung setzt er auf die nachfolgenden Generationen. „So lange es, wie im Bergbautourismusverein, engagierte junge Leute gibt, die nach und nach unsere Aufgaben übernehmen, bin ich guter Dinge.“ Einen Abschied von Gut Geisendorf kann er sich nicht vorstellen. „Ich komme hier nicht mehr weg, das Gut ist ein Teil von mir geworden.“

 

Der Beitrag erschien zuerst im Vattenfall Blog

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