23.09.2020
Daten & Fakten

Raddampfer Diesbar

Innenplätze: 86
Außenplätze: 122

Schiffslänge: 53,5 Meter
Schaufelräder: 3,8 Meter Durchmesser
mit je 10 beweglichen Stahlschaufeln

Leistung: 110 PS
Geschwindigkeit: 12 - 14 km/h
Kessel: 2-Flammrohr-Kofferkessel

Die schwimmenden Wahrzeichen der Stadt Dresden sind ihre Dampfschiffe. Sie gehören zum Bild der Elbflorenz und sind nicht aus dem Stadtbild wegzudenken. Doch kaum jemand weiß um die Verbindung der „Sächsischen Dampfschiffahrt" zur Lausitz. Warum einer der Dampfer ohne REKORD-Briketts der Lausitz nicht über die Elbe dampfen könnte, erfahre ich bei einem Besuch in der sächsischen Hauptstadt - zusammen mit Thomas Müller, der im Außenvertrieb des Veredlungsbetriebs der LEAG tätig ist.

Es ist ein regnerischer Morgen. Auf den Anlegern entlang des Elbufers sitzen Krähen, denen das Wasser von den Schnäbeln tropft. Trotzdem sind in der Nähe des Stadtzentrums viele Menschen unterwegs. Ich eile an ihren Regenschirmen vorbei, während ich auf den Anleger 18 zusteuere. Als er in Sicht kommt, kann ich schon einen großen LKW sehen, der direkt am Steg parkt. Eine Rampe führt hinab zum Personendampfer Diesbar, der heute Ziel meiner Reise ist.

Thomas Müller, der mich begleitet, ist auch schon vor Ort. Die Firma Kohlen Sparen Brennstoffhandel GmbH ist gerade dabei, große Jutesäcke von der Ladefläche zu wuchten. Ihr Inhalt: Halbsteinbriketts aus der Lausitz.

Thomas Müller ist vor Ort, als der Diesbar seine neue Lieferung REKORD-Briketts bekommt, Foto: LEAG

Lausitzer Briketts für Dresden

Müller arbeitet seit 2009 im Vertrieb der Veredlung.

Im Frontoffice ist es seine Aufgabe, sich um den Verkauf der Braunkohleerzeugnisse in Märkten, bei Händlern und Kunden in Sachsen und Thüringen zu kümmern.

„Ich betreue unsere Kundschaft und erarbeite maßgeschneiderte Angebote“, sagt er.

„Der Diesbar ist allerdings ein besonderer Kunde. Die Belieferung richtet sich ganz nach dem Bedarf, der je nach Fahrplan schwankt. Deshalb haben wir auch keine Mindestabnahmemengen vereinbart.

Mit ungefähr einer Woche Vorlauf nach Bestelleingang kommt die Lieferung dann direkt vor Ort an.“

Der Raddampfer ist das einzige Schiff der Dresdner Flotte, das mit Kohle betrieben wird. Und er fährt nur mit REKORD-Briketts.

Warum das so ist, will ich von der Schiffsbesatzung erfahren. Aber erst einmal geht die Lieferung vor.

1/3 Die schweren Säcke werden die Rampe am Steg hinab bis aufs Schiff gebracht, Foto: LEAG
2/3 Hier landet das Schwarze Gold dann im Bauch des Dampfers, Foto: LEAG
3/3 Insgesamt werden an diesem Tag fünf Tonnen Braunkohlenbriketts abgeladen, Foto: LEAG

Etwa 450 Kilogramm Kohle je Stunde benötigt der Diesbar in voller Fahrt, Foto: LEAG

Ich versuche nicht im Weg zu stehen, während fünf Tonnen Braunkohlenbriketts verpackt in 100 Säcke von dem LKW geladen werden. Alles pure Handarbeit. Zwei Crewmitglieder des Diesbar und drei Männer der Kohlen Sparen Brennstoffhandel GmbH, einem Vertriebsunternehmen aus Grimma, tragen mit geübten Handgriffen die 50-Kilosäcke zum Schiff.

Dort angekommen, kippen die Männer den Inhalt der Säcke in die Schächte der Kohlebunker des Schiffs. Der Brennstoffhandel ist einer der wenigen Anbieter am Markt, die eine Absackanlage besitzen, mit der das Verpacken in Jutesäcke möglich ist. So fahren sie das Schwarze Gold der Lausitz hier aus. Axel Ferch gehört zum Team der Spedition. Er verstärkte 2018 den Familienbetrieb.

„Wir beliefern hauptsächlich Kunden im ländlichen Bereich. Viele schwören noch immer auf das Heizen mit Briketts. Es ist eine andere Wärme, sagen die Leute.“

Teamwork ist gefragt. Hier packen alle mit an. Vom schlechten Wetter lassen sich die Arbeiter des Brennstoffhandels aus Grimma nicht abschrecken. Axel Ferch verteilt die noch vollen Säcke an seine jungen Kollegen, bevor er selbst wieder die nächste Tour läuft, Foto: LEAG

Falk Hering weiß viel über die Geschichte des Diesbar zu berichten. Sein Interesse geht weit über das rein Berufliche hinaus, Foto: LEAG

Dampfer Diesbar - eine bewegte Geschichte

Inzwischen haben sich die Bunker bereits gut gefüllt. Um Platz zu schaffen und auch die letzten Briketts unter Deck zu bekommen, legt sich nun Falk Hering ins Zeug. Er sorgt von oben dafür, dass die Kohlen nachrutschen.

Hering ist Maschinist auf dem Diesbar. Schon sein Großvater war in den 50-er Jahren Steuermann. Der gelernte Dampfmaschinenschlosser blieb der Familientradition treu.

Als wieder Platz ist, lädt er mich und Müller ein, mit ihm einen Blick in das Herz des Dampfschiffs zu werfen. Wir steigen eine schmale Leiter hinab und begeben uns unter Deck. Hier unten ist es eng. Ich entdecke ein kleines Ölkännchen, das auf einem grünen Stahlträger über einem Gewirr aus Rohren und Hebeln steht.

Ab 1985 wurde der Diesbar in der Werft Laubegast umfassend rekonstruiert, nachdem er 1978 stillgelegt worden war. Der Kulturbund der DDR baute ihn bis ins Jahr 1989 zum technischen Denkmal aus, Foto: LEAG

Das Stahlwerk Krupp bei Essen hatte im Jahr 1853 eine zehnjährige Garantie auf das verbaute Gussstahlteil gegeben - und die Erwartungen nicht ganz erfüllt. Im positivsten Sinne!, Foto: LEAG

Ein nostalgischer Anblick, der gut zu der ältesten, in Betrieb befindlichen Dampfmaschine der Welt passt. Gefertigt im Jahr 1841, stammt sie ursprünglich von dem Personendampfer Bohemia. „Der Diesbar wurde 1884 in der Werft Dresden Blasewitz unter dem Namen Pilnitz gebaut. 1927 wurde er umbenannt“, gibt uns Hering einen Exkurs.

„Der Dampfer hat viele Umbauten und Modernisierungen hinter sich. Zum Beispiel wurde über die Zeit die Petroleumbeleuchtung gegen eine elektrische Anlage getauscht. Zwischen den Radkästen entstand ein Ruderhaus, das den Hecksteuerstand ersetzte", zählt Hering auf. "Zur Erzeugung von elektrischer Energie besitzt der Raddampfer einen Petroleummotor anstatt einer Dampfturbine. Die haben nur Dampfschiffe mit Hochdruckdampfkesseln. Und der Diesbar ist eben ein echter Oldie - das einzige Schiff auf der Welt, das noch mit einem Niederdruckkofferkessel fährt“, sagt er.

„Als einer von neun historischen Raddampfern der „Sächsischen Dampfschiffahrt" ist er somit zugleich Teil der ältesten und größten Raddampferflotte der Welt. Zuerst heizte man mit Böhmischer Braunkohle und später mit REKORD. In den 1960-er Jahren schwenkte man allerdings um.

Mit einem groß angelegten Neubauprogramm sollten Stück für Stück alle Dampfer ersetzt werden. Motorschiffe mit Schaufelradantrieb, die aufgrund ihrer Hybridtechnologie als "Dieselelektrische" bekannt waren, wären Mittel der Wahl gewesen“, erklärt er weiter.

„Vier Stück waren auch bereits gebaut, als dann allerdings die Ölpreiskrise der 1970-er Jahre kam und die Modelle plötzlich unrentabel machte. Zum Glück! Denn so entschied man sich, auf groß angelegte Reparaturprogramme für die Dampfer umzuschwenken und in neue Dampfkessel mit Kohlefeuerung zu investieren. Das hat das Überleben der Flotte gesichert.“

Volldampf voraus!

René Herold bringt den Besuchern gern die historische Dampfmaschine näher, mit der er täglich arbeitet, Foto: LEAG

Das Anfeuern des Dampfkessels ist Sache des Heizers. René Herold übernimmt auf dem Diesbar diese Aufgabe.

Die Brikettlieferung kommt ihm gelegen, denn das Anheizen braucht Zeit und für den nächsten Tag steht eine kleine Fahrt nach Übigau auf dem Plan. Herold rückt gerade die gusseisernen Roste in der Feuerung zurecht, als wir auftauchen und beginnt die Kohlen in die geöffnete Feuertür zu schaufeln. Die Voraussetzung dafür, dass die Halbsteine später gleichmäßig durchbrennen und sich das Wasser im Kessel erhitzt.

Herold kennt die Maschine in- und auswendig. Eine Gebrauchsanweisung gibt es für ein historisches Dampfschiff wie dieses nicht. Es zählen Erfahrung und technisches Verständnis. Bei ihm bin ich mit meiner Frage richtig, die mir noch immer unter den Nägeln brennt. Warum müssen es REKORD-Briketts sein, will ich wissen. „Der Diesbar hat viele Umbauten hinter sich,“ erklärt er und hält mit seiner Arbeit inne.

Von oben rutschen die Briketts direkt in den Heizraum nach, Foto: LEAG

„Der verbaute Dampfkessel stammt aus den 50-er Jahren. Die Roste sind genau für diese Briketts ausgelegt.“

Er erinnert sich. „Vor etwa zwölf Jahren wurde eine andere Kohlensorte ausprobiert. Das ging allerdings schief. Der Druck im Kessel wollte einfach nicht steigen, obwohl zwei Heizer ununterbrochen Kohlen nachgelegt haben, war es nicht möglich, den richtigen Dampfdruck aufzubauen. Und ohne Dampf kann es schnell gefährlich werden, denn dann wird das Schiff manövrierunfähig", weiß Herold. "Damals zeigte sich, dass beim Zünden der neu getesteten Sorte die Kohlen einfach zerplatzten und unverbrannt durch die Roste fielen. Also kehrte man schließlich doch zu REKORD zurück - und blieb bis heute bei der Brikettmarke der Lausitz.“ Das ist also des Rätsels Lösung!

 

1/4 Zuerst kommen die Roste in Position ..., Foto: LEAG
2/4 ... dann wird geschippt, was das Zeug hält ..., Foto: LEAG
3/4 ... und schließlich wird ordentlich angefeuert ..., Foto: LEAG
4/4 ... bis die Briketts gleichmäßig brennen, Foto: LEAG

Fahrten auf den Elbdampfern sind begehrt. Während unseres Besuchs fragen Touristen schon nach den nächsten Terminen, Foto: LEAG

Ade Elbtal und allzeit gute Fahrt

Herold fasziniert an seinem Beruf auf dem Dampfschiff vor allem der Denkmalgedanke. „Zwischenzeitlich war der Diesbar sogar schon stillgelegt, aber am 7. Oktober 1989 ist er wieder in den aktiven Dienst gegangen. Ein echtes Stück Technikgeschichte.“

Der Heizer macht sich wieder an seine schweißtreibende Arbeit. Im Maschinenraum wird es heiß. Die Briketts beginnen, langsam durchzuglühen. „Schön mollig“, nennt der gelernte Frachtschiffer das lächelnd. Je nach Auslastung verbraucht der Dampfer ungefähr 100 Tonnen Kohle pro Jahr.

Damit alles an Deck wieder blitzt und blinkt, kommt nach einer Brikettlieferung jedes Mal das große Reinemachen, Foto: LEAG

Circa zwei Wochen wird er mit der neuen Lieferung auskommen, bevor wieder Nachschub gebraucht wird.

Zurück an Deck stelle ich fest, dass sich die Regenwolken verzogen haben. Eine dünne, weiße Rauchfahne steigt vom Schornstein des Dampfschiffes in den blauen Himmel auf. Ferch und sein Speditionsteam haben alles abgeladen und verabschieden sich jetzt. Und auch die Schiffscrew um Hering setzt nun ihre Arbeit fort.

Das ordentlich eingestaubte Deck muss geschrubbt werden – unerlässlich nach einer Kohlenlieferung. Für die Passagiere soll am nächsten Tag schließlich wieder klar Schiff sein, wenn der Diesbar mit REKORD über die Elbe dampft.

Auf Wiedersehen, Diesbar, Foto: LEAG

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Juliane Krause

Autor

Juliane Krause

Schreiben war schon immer mein Steckenpferd, auch wenn mich meine Ausbildung in der Lausitz vorerst in die Welt des Bestellwesens verschlug. Erste journalistische Gehversuche waren mir dennoch bereits in der Auszubildendenzeitung STROMeo zuteil geworden und schon damals wusste ich: Das ist mein Metier! Als Quereinsteiger habe ich dann den Sprung in die externe Kommunikation gewagt. Meine mehrjährige Erfahrung im Unternehmen LEAG hilft mir nun als Redakteurin genauso weiter, wie meine Offenheit und dieses gewisse Quantum an Neugier, das mich seit jeher antreibt. Denn wie sagte bereits einer meiner liebsten Autoren: „Die Neugier ist die mächtigste Antriebskraft im Universum, weil sie die beiden größten Bremskräfte im Universum überwinden kann: die Vernunft und die Angst.“

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