Michael Nippa über den Bergbau in der öffentlichen Meinung

15.07.2015

zur Person

Michael Nippa

Schon während meines Studiums der Wirtschafts- und Organisationswissenschaften habe ich mich intensiv mit Fragen der Akzeptanz beschäftigt. Damals ging es um die Einführung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien in Unternehmen vor denen – man glaubt es heute kaum – die Beschäftigten Angst hatten. Angst ist aber eng verbunden mit Ungewissheit. Und wenn wir genau hinschauen, dann haben die derzeitigen Akzeptanzprobleme der Braunkohle – aber auch anderer umstrittener Technologien und Infrastrukturvorhaben – ebenfalls viel mit Befürchtungen und Ungewissheiten zu tun. Dazu gesellen sich die konfligierenden Interessen von Gruppen, die eine mehr oder weniger starke Betroffenheit bezüglich der Kohle und des Bergbaus haben. Als Inhaber des Lehrstuhls für Unternehmensführung und Personalwesen habe ich an der Technischen Universität Bergakademie Freiberg 17 Jahre lang an der Schnittstelle zwischen Ressourcen-Technologien und -Management gearbeitet. Auch an meiner neuen Wirkungsstätte in Bozen sind Themen an dieser Schnittstelle hochaktuell, ich erwähne hier nur den durchaus umstrittenen Brenner Basistunnel. An der Bergakademie hat mich insbesondere ein langjähriges BMBF-Forschungsprojekt zur stofflichen und CO2-armen Nutzung der Kohle mit der Notwendigkeit konfrontiert, aus einer objektiven, keiner Interessensgruppe verpflichteten Perspektive die Akzeptanz der Kohle und anderer Energieträger wissenschaftlich zu untersuchen. Wesentliche Erkenntnis dieser Studien war, dass die Öffentlichkeit, die sich eine Meinung zu essentiellen Fragen der Zukunftssicherung machen muss, in weiten Bereichen wenig interessiert und vor allem schlecht informiert ist. Das sind aber beste Voraussetzungen dafür, dass man anfällig für Meinungsmache wird, egal von welcher Seite. Ich erhoffe mir, durch diesen Blogbeitrag die Diskussion um die Zukunft der Kohle und Kohleverstromung in Deutschland auf der Basis um Objektivität bemühter Darstellung zu versachlichen. Die Tatsache, dass der Blog von Vattenfall organisiert wird, bedeutet nicht, dass ich die Meinung des Unternehmens oder seiner Mitarbeiter vertrete.  

Die öffentliche Meinung ist beim Thema Bergbau gespalten. Das kennt man. Überraschend ist indes die Erkenntnis, dass sich die meisten Menschen gar nicht für das Thema interessieren. Das jedenfalls sagt ein Kenner der Materie, Prof. Michael Nippa, Professor an der Freien Universität Bozen. Er hat sich in mehreren Studien mit dem Bild des Bergbaus in der Öffentlichkeit befasst. Wir haben ihn dazu befragt-

Professor Nippa, Sie haben am Rande des Sächsischen Rohstofftages die anwesenden Experten befragt, wie aus ihrer Sicht die Rohstoffbranche in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Was ist rausgekommen?

Ich muss zugeben, dass das Ergebnis auch für mich zunächst total überraschend war. Die Unternehmer, Manager, Verbandsvertreter und Wissenschaftler aus allen Bereichen des deutschen Bergbaus glauben zu mehr als 80 Prozent, dass die öffentliche Meinung der Deutschen zum Bergbau negativ ist. Das steht im völligen Gegensatz zu den Ergebnissen einer repräsentativen Studie, die ich im vergangenen Herbst im Rahmen des DER-Projektes durchgeführt habe. Fast 75 Prozent aller Deutschen sind der Meinung, dass in Deutschland weiterhin Bergbau betrieben werden sollte und es eben nicht besser ist, alle für unsere Industrie notwendigen Rohstoffe aus dem Ausland zu importieren. Selbst die grundsätzlichen Einstellungen zum Rohstoff Kohle in Deutschland sind nicht, wie häufig Glauben gemacht wird, überwiegend negativ. In der Gesamtbevölkerung hat etwa die Hälfte eine negative Einstellung, die einer fast gleichgroßen Gruppe von Deutschen gegenübersteht, die eine positive Einstellung hat. Hochinteressant ist jedoch, dass beide Gruppen mit großer Mehrheit eine Weiterführung des deutschen Bergbaus befürworten.

Bergbau ist Daseinsvorsorge und Basis nahezu jeder industriellen Produktion. Hätte man nicht allen Grund, mit breiter Brust loszumarschieren und für mehr Verständnis zu werben?

Das ist ja das Frappierende, ich kann hier nur zustimmen. Aber offensichtlich haben die persönlichen Erfahrungen insbesondere der letzten Jahre dazu geführt, das in vielen Massenmedien gezeichnete negative Bild zu übernehmen, die aus der eigenen Perspektive wenig nachvollziehbaren Entscheidungen von Politikern, Verwaltungsorganen und der Rechtsprechung so zu deuten und letztlich vor den gut organisierten Aktionen anderer Interessenvertreter zu kapitulieren. Darauf deuten auch die Ergebnisse der zweiten Frage, die ich den Teilnehmern gestellt habe, hin.

Einstellung der Deutschen zur Braunkohle, Quelle: Studie Perspektiven der Kohlenutzung in Deutschland, 2ß14

Auf die Frage, wer denn ihrer Meinung nach heutzutage die öffentliche Meinung am stärksten prägt, wurden mit weitem Abstand die traditionellen Medien und kleine Gruppen von Aktivisten genannt. Das übersieht meines Erachtens eklatant, dass sich Einstellungen zu eher abstrakten Objekten bereits langfristig beispielsweise im Elternhaus und im schulischen Kontext sozialisieren.

Zurück zur Frage: Ja, die Vertreter des Bergbaus haben allen Grund, zusammen mit der Industrie, auf ihre Bedeutung für den Wohlstand und die Zukunft zu pochen, aber einfach losmarschieren und zu werben und sich davon eine rasche Einstellungsänderung zu erhoffen, halte ich für die falsche Botschaft. Zum einen haben wir gerade gehört, dass die Einstellungen gar nicht so schlecht sind und zum anderen bedarf es differenzierterer Vorgehensweisen.

Und welchen Stellenwert hat der Bergbau in der Öffentlichkeit tatsächlich? Interessiert man sich überhaupt dafür?

Intersse zum Thema Energie und Energieversorgung, Quelle: Studie Perspektive der Kohleindustrie in Deutshcland 2014

Ich glaube, dass das des Pudels Kern ist. Bergbau ist, vielleicht mit Ausnahme der großen Tagebaureviere und bei weltweit medial verbreiteten Katastrophen, weit weg vom Bewusstsein des deutschen Durchschnittsbürgers. Die gewonnenen Grundstoffe, die unser aller Leben in allen Bereichen durchziehen, man denke hier nur an Reinigungsmittel, Bau- und Werkstoffe bis hin zu Haushaltsgeräten und den geliebten Smartphones, sind zwar im wahrsten Sinne des Wortes greifbar, werden aber überhaupt nicht wahrgenommen. Wenn sich in Zeiten der Energiewende schon nur etwas mehr als die Hälfte der Deutschen für Informationen zum Thema Energie und Energieversorgung interessiert und dieses Interesse in der Altersgruppe der 14 bis 29-jährigen auf 35 Prozent abfällt, dann kann man sich eine Vorstellung darüber machen, wie hoch das Interesse der Öffentlichkeit am Bergbau allgemein ist.

Vergleich nicht nur bei Technologien führend, sondern auch bei den Umweltstandards und bei der Rekultivierung. Selbst die Zahl der Arbeitsunfälle ist so niedrig wie sonst nirgendwo. Spielt das in der Öffentlichkeit etwa keine Rolle?

Leider befürchte ich auch hier eine eher skeptische Meinung vertreten zu müssen, sie basiert auf Fakten. Heutzutage arbeiten in der Bergbauindustrie in Deutschland, ich beziehe mich hier nur auf die direkt Beschäftigten, noch etwa 70.000 Menschen. Diese nehmen sich im Vergleich mit den circa 42 Millionen Arbeitnehmern in Deutschland verschwindend gering aus. Die vom Bergbau beanspruchten Flächen in Deutschland sind, wieder nur mit regionaler Ausnahme der Braunkohletagebaue, vernachlässigbar. Das heißt, der Durchschnittsbürger hat keine Berührung mehr mit dem Bergbau und die guten Seiten der eingesetzten Technologien werden selten wahrgenommen.

Ich glaube aber, dass hier eine große Chance für die Bergbauindustrie und Bergbauforschung in Deutschland liegt. Es gilt der Bevölkerung klarzumachen, dass in Deutschland Technologien entwickelt werden, die höchsten Standards genügen und die dazu eingesetzt werden können, soziale Missstände und gravierende Umweltschäden in traditionellen Bergbauländern zu mindern. Zudem würde daraus meines Erachtens ein weitaus größerer Beitrag zum Umweltschutz und zur globalen Klimaerwärmung geleistet, als durch den Verzicht im eigenen Land. Ganz zu schweigen von den arbeitsplatzsichernden Auswirkungen dieser Exportstrategie.

Im Moment wird heftig über die Zukunft der Braunkohle gestritten. Was sagen die Befragten in Ihrer Akzeptanzstudie dazu – wird Braunkohle aus ihrer Sicht gebraucht?

Meinungen zu Konsequenzen zum Ausstieg aus der Kohleverstromung, Quelle: Studie Perspektiven der Kohlenutzung in Deutschland 2014

Nun, wenig überraschend ist, dass die deutsche Bevölkerung mehrheitlich Bedenken in Bezug auf die Auswirkungen der Kohlekraftwerke in Deutschland auf die Umwelt hat. Positiv wird gesehen, dass die heimische Kohle in Deutschland viele Arbeitsplätze sichert und einen Beitrag zur Energieversorgungssicherheit in Deutschland leistet. Knapp die Hälfte der Befragten in beiden Studien sind der Meinung, dass die Menschen in Deutschland Kohlekraftwerke auf längere Sicht akzeptieren müssen und weit mehrheitlich, dass Deutschland Kohlekraftwerke benötigt, weil erneuerbare Energiequellen unseren Strombedarf noch nicht decken können. Je ein Viertel der deutschen Bevölkerung wünscht sich einen Ausstieg Deutschlands aus der Kohle bis 2020 oder bis 2030. Dem gegenüber stehen jedoch mehr als ein Drittel der Befragten, die einen problemlosen Verzicht auf Kohlekraftwerke erst bis zum Jahr 2040, 2050 oder in absehbarer Zeit gar nicht sehen.

Die öffentliche Debatte – auch über die Zukunft des Bergbaus – findet zunehmend in den neuen Medien statt. Derweil bleiben die Experten zumeist unter sich. Wohin müssen die Unternehmen und Verbände künftig gehen, um gehört zu werden?

Formen der aktiven Interessensbekundung, Quelle: Studie Perspektiven der Kohlenutzung in Deutschland 2014

Ja genau dahin muss man gehen – in die neuen Medien. Die fortschreitende Digitalisierung in Verbindung mit der Möglichkeit, unabhängig von vorgefertigten Wissensvorgaben der Machtinhaber aus Politik, Wirtschaft, Medien, oder von relevanten Interessenvertretern, auf Informationen aus verschiedenen Quellen quasi sekundenschnell zugreifen zu können, wird zu völlig neuen Formen der Meinungsbildung und Mobilisierung führen. Wir leben in dieser Beziehung in einem dramatischen Zeitenumbruch, der die gesamte Wissensgesellschaft, Medienlandschaft und die Politik grundlegend verändern wird. Jeder, der ein berechtigtes Interesse hat, tut gut daran, sich intensiv damit auseinanderzusetzen. Ich würde jedoch davon abraten, ohne das Verständnis der neuen Medien auf den Zug aufspringen zu wollen und zu glauben, dass man es durch die Einrichtung von Facebookprofilen, Twittereinträgen oder Blogs schon richten wird. Meine Hoffnung ist, dass sich die Menschen rasch aus mehreren Quellen, die Fakten aus unterschiedlichen Perspektiven zu einem umstrittenen Thema liefern, selbst ein Bild machen können, das sie für ihre individuelle Entscheidungsfindung zugrunde legen können. Das würde denjenigen den Wind aus den Segeln nehmen, die immer noch glauben, nur durch die Appelle an grundlegende Emotionen punkten zu können.

Wo sehen Sie Handlungsbedarf in Sachen Akzeptanz und Kommunikation von Bergbauthemen?

Ich glaube, es ist notwendig, dass sich die einzelnen Akteure, durchaus auch über die Interessenlager hinweg, unter Zuhilfenahme neuer Medien stärker vernetzen. Es sollte im Interesse aller Beteiligten sein, einen tragfähigen Konsens zu finden. Letztlich muss man in einer Demokratie akzeptieren, dass ich eine Mehrheit für einen Weg entscheidet, der nicht der eigenen Bewertung und Meinung entspricht. Leider scheint dieses Grundverständnis von Demokratie einigen sehr von ihrer eigenen Meinung überzeugten Gruppen in Deutschland mehr und mehr abhanden zu kommen.

Für mich sind Bergbauthemen und ihre durchaus zu konstatierende Vernachlässigung zum Beispiel in unseren Bindungssystemen ein Spiegelbild der Entwicklung unserer Gesellschaft. Insofern ist mein Appell, sich Gedanken zu machen, welche Grundwerte und welches Bewusstsein in der zukünftigen Gesellschaft eine dominante Rolle spielen sollten und durch konkrete Maßnahmen einen entsprechenden, langfristigen Lernprozess zu initiieren. Das ist sicherlich nicht die Antwort im Sinne kurzfristiger Werbekampagnen, aber diese sind meines Erachtens auch wenig problemlösend.

Hier Studie downloaden: Perspektiven_der_Kohlenutzung_Deutschland

 

Dieser Beitrag erschien zunächst im Vattenfall Blog

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Autor

Ariane Geisler

Ich bin ein Lausitzer Gewächs: hier geboren, gehegt und gepflegt. Dann fürs Studium der Fachrichtung Medien vorübergehend "umgetopft". Beruflich habe ich in der Unternehmenskommunikation Wurzeln geschlagen. Mein Habitat bei der LEAG: Die externe Kommunikation im Print- und Digitalbereich. Was mir dabei am besten gefällt: Die Vielfalt der Menschen, Themen und Geschichten. Reichlich Nährboden für Einblicke, Schulterblicke, Seitenblicke.

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