Lausitz Dynamics: Studenten forschen an Wasserstoffautomobil

20.09.2019

Mobilität ist ein essentielles Kennzeichen der Gesellschaft. Der moderne Mensch ist immer unterwegs, egal ob beruflich oder privat. Rund 1,3 Milliarden Autos gibt es auf der Welt, Tendenz steigend. Die Nachfrage nimmt immer weiter zu, aber unsere Ressourcen sind begrenzt. Aus diesem Grund müssen nachhaltige, umweltfreundliche und sparsame Lösungen her. Seit dem Jahr 2008 befassen sich Studenten der BTU Cottbus-Senftenberg mit dem Thema Elektromobilität. Das Team „Lausitz Dynamics“ forscht an modernen Antriebskonzepten und setzt diese in die Praxis um. Ihr Ziel: Die Teilnahme am Shell Eco-marathon® in London - dem größten Energieeffizienzwettbewerb der Welt.

 

Schon gewusst?

Der Shell Eco-marathon® hat seine Wurzeln im Jahr 1939. Er gilt als einer der weltweit größten Effizienzwettbewerbe zum Thema Mobilität und wird in Europa, Amerika und Asien ausgetragen. Das Ziel: Ein Fahrzeug konstruieren, das eine bestimmte Distanz mit möglichst wenig Kraftstoff zurücklegt. Der Wettbewerb ist in zwei Kategorien aufgeteilt. Im Bereich „Prototypen“ sind der Fahrzeugkonstruktion kaum Grenzen gesetzt. Bei „Urban Concept“ dagegen müssen die Automobile straßenverkehrstauglich sein. Das Event fand in diesem Jahr vom 2. bis 5. Juli in der Mercedes Benz World im London statt. 160 Teams aus Europa und Afrika haben sich dafür qualifiziert, darunter zwölf Teams aus Deutschland.

Bei 33°C im Schatten treffe ich Samantha-Josephine Schneider auf dem Parkplatz nahe der Eishalle Senftenberg. Die Luft steht vor Hitze. Nach einer kurzen Begrüßung kommen wir ins Gespräch. Die angehende Wirtschaftsingenieurin hat in diesem Jahr die Rolle der Teammanagerin bei „Lausitz Dynamics“ übernommen. In diesem Jahr arbeiten dreizehn Studenten in ihrer Freizeit neben dem Studium an einem wasserstoffbasierten Automobil-Prototypen.

Unterschiedliche Studiengänge treffen dabei aufeinander. Maschinenbau, Elektrotechnik, Biotechnologie und Wirtschaftsingenieurwesen. Bei Schneider laufen die Fäden zusammen.

Der „Lupus“ sei vom Chassis bis zur Karosserie selbst erdacht und eine Weiterentwicklung des Vorgängermodells „Mammut“ aus dem Jahr 2016, erklärt mir die junge Frau. Und heute soll hier die letzte Testfahrt stattfinden, bevor es für die Studenten nach London zum Marathon geht.

Einen kühlen Kopf bewahren

„Die Gruppe hat das Fahrzeug neu konzipiert – unter anderem auch, um solche Temperaturen auszuhalten. Bei dem Vorjahresmodell wurde die Brennstoffzelle zu heiß, die die Energie für den Antrieb des Motors liefert. Deshalb haben wir den neu konstruierten Unterboden mit einem Anströmkanal versehen“, erzählt mir Schneider.

Zusätzlich sei die, von den Studenten in Kooperation mit der IMA Dresden Engineering GmbH selbst gefertigte, Außenhülle aus Carbonfaser, Kunstharz und Lack jetzt weiß anstatt schwarz. „So wird die Sonneneinstrahlung besser reflektiert. Eine einfache, aber effektive Möglichkeit auch bei höheren Temperaturen zu fahren“, sagt die Lübbenauerin.

Samantha-Josephine Schneider kümmert sich um das Management und Marketing. Sie koordiniert das Team aus Mechanikern, Elektronikern und Fahrern, Foto: LEAG

Den besten Wirkungsgrad habe die Brennstoffzelle allerdings bei feuchter, kühler Witterung um 20°C. „Der offizielle Test auf dem DEKRA Lausitzring in Schipkau ist ironischer Weise wegen starkem Regen ausgefallen. Deshalb improvisieren wir hier heute ein wenig. Darin sind wir schon geübt.“

Unterstützung aus der Wirtschaft

Neben der DEKRA und der IMA Dresden arbeitet das Team auch mit anderen namenhaften Unternehmen wie dem Flugzeughersteller Airbus zusammen. Viele Firmen greifen dem Innovationsprojekt dabei finanziell unter die Arme. „Es ist schwer in unserer Gegend große Sponsoren zu gewinnen“, erzählt mir Schneider. „Andere Universitäten haben es da etwas leichter.“ Insgesamt hätten sich dennoch rund dreißig regionale Unternehmen an der Aufbringung der Kosten beteiligt, darunter Namen wie LEAG, GMB, SpreeGas oder Vestas. So kam schließlich ein Budget von 8.000 Euro für den „Lupus“ zusammen.

Niklas Richter dreht mit dem "Lupus" seine Runden. Es ist die Generalprobe bevor das Team sich zusammen mit seinen Mentoren auf den Weg nach London begibt, Foto: LEAG

Vom Reißbrett auf die Teststrecke

Beim europäischen Shell Eco-marathon® treten die „Lausitz Dynamics“ in der Kategorie Urban Concept an. „Das bedeutet, dass der „Lupus“ so aufgebaut ist, dass er theoretisch eine Straßenzulassung bekommen könnte“, erklärt mir Schneider.

„Scheinwerfer, Blinker, Sicherheitsgurt und sogar ein Kofferraum sind vorhanden. Ein eingebauter Überrollkäfig und eine Feuerschutzwand in Richtung Brennstoffzelle, sowie ein Feuerlöscher sorgen an Bord für sichere Verhältnisse.“ Außerdem trage Fahrer Niklas Richter immer einen Schutzanzug - auch wenn es bisher noch keine größeren Unfälle gegeben habe, fügt Schneider hinzu. „Um effizienter zu werden, haben wir Gewicht gespart, beispielsweise am Fahrersitz. Insgesamt wiegt der „Lupus“ nicht mal mehr 200 Kilogramm.“

Das Logo des Lupus: Wolf of Lausitz, Foto: LEAG

Auf den Wolf gekommen

Zusammen mit Optimierungen an den Bremsen, der Radaufhängung und der Elektrik hofft das Team so beim Shell Eco-marathon® durchstarten zu können. Auch der Name „Lupus“ sei bewusst gewählt, wie mir die Teammanagerin verrät.

„Er soll die Verbundenheit zu unserer Heimat symbolisieren. Der Wolf, was Lupus übersetzt bedeutet, ist hier ein großes Thema. Außerdem ist die Außenhülle ja weiß und in der Natur ist ein Albino etwas sehr Außergewöhnliches. Das passt, dachten wir: der weiße Wolf der Lausitz.“ Bei der Testfahrt in Senftenberg können die BTU-Studenten jedenfalls zufrieden sein. Alles funktioniert.

Der "Lupus" hat den Test bestanden. Jetzt kann es losgehen! Mit zwei Transportern und zehn Ersatzreifen im Gepäck reisen die "Lausitz Dynamics" über Belgien und Frankreich nach London, Foto: LEAG

Probe aufs Exempel in London

Die Konkurrenz ist groß, aber der "Lupus" hält sich wacker und die Senftenberger Studenten erreichen das Ziel, Foto: Samantha-Josephine Schneider

Anfang Juli ist es dann soweit. Das Team reist nach London. Hier geht es sofort nervenaufreibend zur Sache. 48 Stunden lang sind die Elektroniker des Teams vor Ort, um die letzten Installationen fertigzustellen und dann der Schock beim Zulassungscheck: Trotzdem zu Anfang alles gut aussieht und die Wasserstoffzuleitung dicht ist, fällt plötzlich der Blinker am „Lupus“ aus. „Beim Urban Concept ist das ein K.o.-Kriterium!“, erzählt mir Schneider. „Aber der Zusammenhalt vor Ort ist toll. Studenten anderer Teams aus München, Neuruppin, Aalborg und Dänemark haben uns ausgeholfen. Am Ende haben wir die Zulassung bekommen.“

Der Weg auf die Teststrecke ist damit frei. Jetzt darf der weiße Wolf der Lausitz zeigen, was er kann. Doch auch während der Wertungsläufe haben die Senftenberger Studenten mit widrigen Umständen zu kämpfen. „Plötzlich ging die Telemetrie nicht mehr, mit der man zum Beispiel die Geschwindigkeit misst oder kommuniziert. Wir mussten dann per Handy Kontakt zu Niklas halten.“ Und trotzdem erreichen die „Lausitz Dynamics“ ihr erklärtes Ziel: Beim dritten Anlauf schafft es der „Lupus“ über die Ziellinie und legt einen gültigen Wertungslauf hin. Das Studententeam landet auf dem 7. Platz. „Ein tolles Gefühl! Wir waren alle glücklich und erleichtert“, sagt Schneider. Da diese Hürde genommen sei, sei die Motivation hoch, nächstes Jahr eine noch bessere Platzierung zu erreichen.

Sie haben alle Hürden gemeistert! Zusammen hat das Team zum ersten Mal, seitdem die BTU Senftenberg in der Kategorie "Urban Concept" antritt, eine Platzierung erreicht, Foto: Samantha-Josephine Schneider

Wie geht es weiter mit „Lausitz Dynamics“?

„Für die Zukunft könnte ich mir vorstellen, dass der „Lupus“ noch verbessert wird. Auch die Konstruktion eines neuen Fahrzeugs, das noch kleiner und effizienter ist, wäre denkbar – zum Beispiel mit Bauteilen aus einem 3D-Drucker“, so Schneider. „Die „Lausitz Dynamics“ werden auch weiter nach Sponsoren suchen, um mit den Konkurrenzteams mithalten zu können. Es gibt so viele gute Ideen, aber am Ende des Tages müssen wir auf das Budget schauen und uns fragen: Was geht und was geht nicht?“

Diese Aufgabe wird Schneider allerdings nicht mehr mit angehen. Die Studentin will ihren Fokus stärker auf ihr Studium legen und verlässt deshalb das Team. „Es war eine interessante Erfahrung“, sagt die angehende Wirtschaftsingenieurin. „Ich nehme einiges aus der Arbeit mit und habe viel dazu gelernt.“ Auch die restliche BTU-Gruppe wird sich neu aufstellen und finden, um sich im kommenden Jahr dem Projekt Elektromobilität zu widmen. Projektleiter Prof. Dr. Sylvio Simon der Universität Cottbus-Senftenberg wird dann auch dem neuen Team wieder zur Seite stehen. Ebenso wie Christin Faulstich, Master of Engineering und Mitarbeiterin der BTU, andere Lehrkräfte und ehemalige Mitwirkende, die auch nach ihrem Ausscheiden aus dem Team die „Lausitz Dynamics“ weiter unterstützen wollen.

Und wer weiß: Vielleicht werden es ja einmal die Ideen von Senftenberger Studenten sein, die die Zukunft der Elektromobilität mitgestalten.

1/5 Alle Augen sind auf den "Lupus" gerichtet, als das Startsignal in London ertönt, Foto: Samantha-Josephine Schneider
2/5 Fahrer Niklas Richter steuert den Prototyp. Er kennt das Fahrzeug am besten und weiß, wie es reagiert, Foto: Samantha-Josephine Schneider
3/5 Die Spannung ist groß, Foto: Samantha-Josephine Schneider
4/5 Christin Faulstich begleitet die Studenten nach London. Sie dokumentiert die Ereignisse im "Lausitz Dynamics" - Blog und unterstützt das Team, wo sie kann, Foto: LEAG
5/5 Schließlich spurtet der "Lupus" erfolgreich ins Ziel. Herzlichen Glückwunsch!, Foto: Samantha-Josephine Schneider

 

Ganz nah dabei: Im "Lausitz Dynamics" - Blog erzählt Christin Faulstich von den Erlebnissen des Teams in London. Sie wollen Unterstützer werden? Hier finden Sie weiterführende Infos.

 

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Autor

Juliane Krause

Schreiben war schon immer mein Steckenpferd, auch wenn mich meine Ausbildung in der Lausitz vorerst in die Welt des Bestellwesens verschlug. Erste journalistische Gehversuche waren mir dennoch bereits in der Auszubildendenzeitung STROMeo zuteil geworden und schon damals wusste ich: Das ist mein Metier! Als Quereinsteiger habe ich dann den Sprung in die externe Kommunikation gewagt. Meine mehrjährige Erfahrung im Unternehmen LEAG hilft mir nun als Redakteurin genauso weiter, wie meine Offenheit und dieses gewisse Quantum an Neugier, das mich seit jeher antreibt. Denn wie sagte bereits einer meiner liebsten Autoren: „Die Neugier ist die mächtigste Antriebskraft im Universum, weil sie die beiden größten Bremskräfte im Universum überwinden kann: die Vernunft und die Angst.“

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