14.09.2017

zur Person

Michael Tschernig

Michael Tschernig hat Ende der 1970iger Jahre in Boxberg mit der Ausbildung zum Instandhaltungsmechaniker sein Abitur abgelegt. Danach hat er Elektroingenieurwesen studiert. Bevor der heute 55-Jährige im Jahr 2004 zum Revisionsleiter wurde, hatte er bereits mehrere Jahre in der Revisionsleitung gearbeitet und war dort für die Ablaufplanung- und -steuerung verantwortlich Revisionen sind für ihn Alltag und doch immer wieder etwas Neues, das Überraschungen in sich birgt.

Michael Tschernig hat gestern wieder ein großes und wichtiges Projekt abgeschlossen: Die erste Zwischenrevision am jüngsten Kraftwerksblock der LEAG - Block R in Boxberg. Seit 2004 ist der Elektroingenieur Revisionsleiter. Wie viele Revisionen er seitdem verantwortet hat, weiß er aus dem Kopf nicht zu sagen. Aber eines steht für ihn fest: Jede Revision ist neu. Schon allein deshalb, weil am Standort Boxberg drei verschiedene Anlagengenerationen arbeiten.

Vor etwa drei Wochen war ich mit Michael Tschernig im Kraftwerk Boxberg unterwegs. Da war die Halbzeit der Revision schon überschritten und der Mitteldruckläufer stand kurz davor, wieder eingehaust zu werden. Wenn ich das Herzstück der Turbine sehen wollte, müsste ich jetzt kommen, hatte der erfahrene Revisionsleiter gesagt.

Wir fahren mit dem Fahrstuhl auf die Ebene +15m. Der Fahrstuhlführer begrüßt uns. Ich bin ein wenig verwundert, ob dieses vermeintlichen Luxus‘. Michael Tschernig klärt mich auf: „Den gibt es hier sonst nicht. Aber in einer Zeit, in der so viele Menschen und so viel Material transportiert werden müssen, muss das gut organisiert sein.“ 

Alles gut organisieren

Gute Organisation – davon wird noch häufiger die Rede sein. Eineinhalb Jahre vor einer Revision, erläutert mir Michael Tschernig, beginnen die Planungen. Dieser lange Zeitraum ist auch deshalb erforderlich, weil  so viele Partner einbezogen werden. So können zum Beispiel nicht alle Wartungsarbeiten an Ort und Stelle erledigt werden. Der Hoch- und der Mitteldruck-Läufer der Turbine mussten auf die Reise nach Berlin gehen zur Firma General Electric. Werkstattzeiten dort werden wie Slots an Flughäfen vergeben. Schließlich schicken auch andere Kraftwerksbetreiber ihre Turbinen dort hin. Vier Schwerlasttransporte waren notwendig für die Reise.

Hoch- und Mitteldruckturbine sind noch nicht wieder eingehaust, Foto: LEAG

Zur Planung gehören auch die sogenannten Revisionsanlaufberatungen mit den Partnerfirmen. Dort ist neben den fachlichen Themen die Arbeitssicherheit ein wichtiger Punkt. Praktisch jeden Tag während einer Revision ist Michael Tschernig unterwegs und schaut, ob alle Arbeitsschutzregeln eingehalten werden. Zweiwöchentlich erscheint ein Newsletter, der nicht nur über den Arbeitsfortschritt informiert, sondern auch immer wieder auf die Arbeitsschutzregeln hinweist.  

Alles an seinem Platz: Ein Lager auf +15 Metern, Foto: LEAG

Ich würde gern einmal von oben auf die offene Turbine schauen. Kein Problem. Michael Tschernig fährt mit mir auf Ebene +30m. Von hier oben habe ich einen guten Überblick und entdecke etwas, was mir unten gar nicht aufgefallen war: Rechts an der Hallenwand gibt es ein Materiallager. Alle Teile liegen dort ordentlich sortiert - wie ein OP-Besteck, denke ich. Und mir fällt ein, dass im Revisionsnewsletter der Ordnung immer ein eigener Punkt gewidmet ist. „Sichern Sie durch tägliche Beräumung Ordnung und Sauberkeit am Arbeitsplatz“ heißt es dort.

Halbzeit überschritten, das heißt, der größte Teil der Anlage ist überprüft, repariert, erneuert, geputzt. Die anstehenden Arbeiten bei einer Revision sind zum Teil gesetzlich vorgeschrieben: Prüfungen am Dampferzeuger, den Druckbehältern und elektrischen Anlagen gehören ebenso dazu wie umfangreiche Reinigungs- und Inspektionsprogramme. Verschleißschutz, Wartungsarbeiten, die der Hersteller empfiehlt, und die Abarbeitung der Befunde aus der fünfjährigen Betriebszeit kommen hinzu.

 

Drohnen für schwer zugängliche Orte

So sieht sie aus die moderne Drohne. Der Käfig schützt sie vor Beschädigungen. Foto: LEAG

Um den Verschleißzustand an den Heizflächen des Dampfkessels festzustellen, sind Gerüste mit einem Volumen von 110.000 Kubikmeter aufgebaut worden. Ich müsse mir das wie ein Fußballfeld vorstellen, dass mit einem 14-stöckigen Gebäude bebaut ist, meint Tschernig.   

Für die Befundung an schwer zugänglichen Orten im Dampfkessel oder in anderen Großbehältern hatten die Spezialisten im Kraftwerk diesmal eine besondere Unterstützung. In Zusammenarbeit mit dem TÜV Rheinland wurde eine spezielle Drohne eingesetzt. Sie rollt wie ein Ball an den Wänden entlang. „Wir waren erstaunt, wie sich die technischen Möglichkeiten solcher Drohnen in der jüngsten Zeit entwickelt haben“, berichtet der 55-Jährige. Bei Größe und Qualität der Bilder gäbe es deutliche Fortschritte.  

Dass ein Kraftwerk in Revision ist, merken die Verbraucher nicht. Man kann lediglich sehen, dass kein Wasserdampf aus dem Kühlturm aufsteigt. Michael Tschernig hat sich für unseren Rundgang noch etwas Besonderes einfallen lassen. Wir steigen in den 155 Meter hohen Kühlturm hinauf bis zum Tropfenabscheider. Viel zu sehen oder zu fotografieren gibt es hier zwar nicht aber die Dimensionen sind beeindruckend. Ich entscheide mich für den Blick aus dem Kühlturm in den Himmel.

Sensible Phase – Wiederinbetriebsetzung

Ein Motiv, das es nur selten gibt: Blick aus dem Kühlturm in den Himmel. Foto: LEAG

Unter dem Kühlturm rauscht bereits wieder Wasser. „Zum Ende einer Revision werden Stück für Stück die Wasser-, Öl- und Dampfsysteme wieder in Betrieb gesetzt“, erklärt mir Tschernig. Ein Kraftwerksblock sei kein Automobil. Man kann nicht einfach den Schlüssel umdrehen und los geht es wieder. „Sanft angestoßen“ werde der Block, beschreibt er den Prozess weiter. Die Wiederinbetriebsetzung sei eine sensible Phase. Da sei er durchaus auch aufgeregt. „Es kann immer noch etwas passieren“, umschreibt er den Zustand.

Zuletzt wurde der Kessel mit Stickstoff und danach Speisewasser gefüllt und gezündet und eine Reinigungsfahrt der Dampfsysteme durchgeführt.

Die Netzschaltung erfolgte gestern Abend um 20:38 Uhr. Michael Tschernig stand in den vergangenen Tagen unter Hochspannung. Jetzt, erzählt er mir, sei er einfach nur erleichtert. 
BlockR kann jetzt wieder für fünf Jahre sicher arbeiten. 

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Autor

Elvira Minack

Nachdem ich über 30 Jahre als Pressesprecherin und verantwortliche Redakteurin in Ostbrandenburg und in Franken gearbeitet habe, kam ich 2009 ins Unternehmen. Seit dem Herbst 2017 arbeite ich in der externen Kommunikation. 

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