06.11.2019

Hoyerswerda ist sein Zuhause. Genauso wie das Lausitzer Braunkohlerevier, in dem er als Steiger im Zentralen Eisenbahnbetrieb  der LEAG täglich unterwegs ist. Privat singt Steffen Witschaß im Bürgerchor Hoyerswerda. Sein Engagement ist Teil des neuen Dokufilms „Gundermann Revier“ von Grit Lemke.

Voller frischer Eindrücke startet Steffen Witschaß diese Woche in den Arbeitsalltag. Letzte Woche war er mit dem Bürgerchor Hoyerswerda auf Reisen ins Badische. In Balingen traf Chor auf Chor – Ost traf  Süd, ein erweitertes Familientreffen. Denn der balinger Chorleiter ist der Sohn von Andre Bischof, der seit 2014 den Bürgerchor Hoyerswerda leitet. „Es war richtig gut“, so Witschaß. Im Gepäck hatten die Hoyerswerdaer natürlich Gundermannlieder. „Die 40 Balinger haben mitgesungen, das war beeindruckend.“ Für den Chor tritt Witschaß aus der Reihe heraus. Nicht nur als Solosänger, sondern ganz aktuell auch als Protagonist in der neuen Doku von Grit Lemke namens „Gundermann Revier“.

Der Trailer zur Doku "Gundermann Revier"

Mit´ n Lied fang ich erstmal an

Steffen Witschaß beim Auftritt mit dem Bürgerchor, Foto: KUFA Archiv

Doch wie kam es dazu? „Seit seiner Gründung durch den Aufruf der KUFA zur Feier des 60. Geburtstags von Gundermann gehört der Bürgerchor Hoyerswerda zum Stadtleben. Eigentlich sollte es nur diesen einen Auftritt geben. Aber es hat uns allen so viel Spaß gemacht, dass wir darum gebeten und gebettelt haben, weiter zu machen“, erzählt Witschaß. „Die Geschichte des Chors greift die Dokumentarfilmerin Grit Lemke auf. Sie hat uns fünf Stunden lang während einer Sonntagsprobe gefilmt. Irgendwie kam dabei das Gespräch darauf, dass sie noch einen „Aufhänger“ bräuchte, jemanden, der mitsingt und am besten wie Gundermann in der Kohle arbeitet. Da kam ich ins Spiel.“ Über das Angebot muss Witschaß erstmal eine Nacht schlafen.

"Hoywoy" von Gerhard Gundermann gehört zu den Liedern des Bürgerchors. Hier singt Steffen Witschaß das erste Solo. Quelle Youtubekanal Himmelspol

„Ich habe hin und her überlegt. Als Bergleute sind wir aufgrund der aufgeheizten Klimadebatte aktuell nicht so gut angesehen und ich stehe zudem nicht gern im Mittelpunkt“, so der 55-jährige. „Aber Grit Lemke war sehr sympathisch und es geht um Gundermann, das Revier und den Bürgerchor. Klar könnten mir ein paar Farbbeutel ans Haus fliegen, aber ich mache es für den Chor.“ Denn hier hat er viele nette Menschen kennen gelernt. „Wir sind um die 70 Personen, 13 Männer, sonst alles Frauen. Meine ist auch dabei. Die Art wie Andre Bischof uns leitet, und wie er alles arrangiert, beeindruckt mich immer wieder.“ 15 Gundermannlieder gehören zum Repertoire, einige vierstimmig interpretiert. „Da sind Arrangements dazwischen, da bekomme ich eine Gänsehaut beim Singen.“ 

Deine grauen Frauen werden schön, wenn ihre Männer abends auf Nachtschicht gehn. Wenn sich die Kumpels in die Kohle stürzen, tanzen sie auf dem Ball der einsamen Herzen. Eine steigt aus ihrem Kleid bis uns morgens der Wecker schreit. Dann schwebt sie ab in ihren Bau und vorher macht sie noch den Himmel blau.

Gerhard Gundermann
Text "Hoywoy"

Gundermanns Revier heute

Steffen Witschaß (r.) bei den Dreharbeiten zur Doku "Gundermann Revier" auf dem Lokstand im Gespräch mit Grit Lemke, Foto: LEAG

Bei der Premiere auf der DOK Leipzig saß Witschaß mit seiner Frau und Chorleiter Andre Bischof im Publikum. „Ich hatte erst ein bisschen Angst, da ich nicht wusste, was Grit Lemke an Material verwendet hat“, erzählt der Lausitzer. Schließlich hat das Team um Lemke den Steiger einen ganzen Tag lang begleitet. „Wir sind zusammen mit einer Kollegin, die bei uns Lokführerin ist, durchs Revier gefahren. Konkret von der Verladung in Welzow nach Schwarze Pumpe zum Verkippen und dann im Anschluss weiter nach Boxberg. Währenddessen wurden wir interviewt. Da kann ich mich nicht mehr an jeden einzelnen Satz erinnern. Doch meine Frau war zufrieden mit mir. Alles schick, alles gut.“ Sich selbst auf der Leinwand zu sehen war dennoch ein wenig unangenehm. „Ich singe lieber im Chor, da kann man sich besser verstecken“, grinst Witschaß. Doch auch hier tritt er aus der Reihe, wenn es erforderlich ist und singt Soli.

„Meine Schaukel steht in einem verwunschenen Garten, gleich hinter dem Bahndamm. Wenn ich beim Schaukeln ganz oben bin, sehe ich die Züge, die Tag und Nacht quietschen und schwarzen Staub hinterlassen. Sie kommen aus den riesigen Löchern, die zwischen unseren Dörfern klaffen. Als Kind denke ich, die ganze Welt sieht so aus. Löcher mit Dörfern dazwischen, in der Mitte meine Schaukel. Und die Züge. Es sind Kohlezüge.“

Gerhard Gundermann

Gerhard Gundermann in Aktion, Foto: Claude Lebus, 1994

Das Singen gehört zu ihm. Erste Erfahrungen im Chor hat er im Singe Club vom BKW Welzow gesammelt. Damals arbeitete er im Gaskombinat Schwarze Pumpe. „Wir als kleiner Singe Club haben zu Gundi und den Feuersteinen aufgeschaut und fanden es sehr professionell und gut.“ Witschaß Werdegang ist auch Bestandteil der Dokumentation „Gundermann Revier“. Denn Grit Lemke legt den Fokus gleichwertig auf das Leben von Gerhard Gundermann als auch auf sein Revier. Deshalb sei auch beides gleichgroß geschrieben, betont die gebürtige Hoyerswerdaerin in den Interviews zur Premiere im MDR. Es gehe ihr um die Widerspiegelung der Generation, die Gundermann aus ihrer Sicht so passend als übersprungene Generation des Ostens bezeichnet hat. Was die Brüche der Zeitgeschichte mit den Menschen und dem Revier machen, das sei ihr Fokus.

Beim Filmfestival Cottbus läuft der Dokumentarfilm "Gundermann Revier" am Sonntag im Programm, Foto: FFC

Da passt der Bürgerchor als Bindeglied mit Witschaß als Bergmann gut -  auch wenn er jünger als Gundermann ist. Persönlich kennengelernt haben sich die Bergleute nicht. Aber Witschaß hat Gundermanns Lieder auch schon vor der Wende gehört. „Ich finde, er war in seiner Denkweise und seinen Liedern der Zeit voraus, war auch ein wenig Träumer und Idealist. Einiges was er in seinen Liedern vor über 30 Jahren besungen hat, ist auch eingetreten.“ Das zeigt ebenfalls die Dokumentation. Am 10. November ist sie im Rahmen des Cottbuser Filmfestivals zu sehen. Witschaß wird hier mit dabei sein – diesmal nicht allein. „Aber ich will noch nicht zu viel verraten. Noch gibt es Tickets.“

Der Bürgerchor Hoyerswerda in Aktion, Foto: KUFA Archiv

Wer es nicht nach Cottbus schafft, der hat noch weitere Gelegenheiten, den Film auf der großen Leinwand zu sehen. Geplant ist auch eine Ausstrahlung im MDR. 

Dienstag, 12.11., 20 Uhr, Filmtheater am Friedrichshain, Berlin-Premiere
Mittwoch, 13.11., 12 Uhr, Dokfest Kassel
Sonntag, 24.11., 18 Uhr, Kulturfabrik Hoyerswerda

Des Weiteren ist eine Ausstrahlung im MDR geplant. 

 

Mehr zu Gerhard Gundermann finden Sie hier im Blog.

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Autor

Daniela Hertzer

Meine berufliche Wiege stand in Brunsbüttel, genauer im dortigen Kernkraftwerk. Von da ging es stromaufwärts über Hamburg und Berlin in die Lausitz. Seit Beginn dieses Jahrtausends arbeite ich in der Unternehmenskommunikation: erst analog, jetzt digital. Mein Antrieb ist die Neugierde und der Spaß am Ausprobieren. Und ich bin ein großer Fan der Sesamstraße. In diesem Sinne: ... 1000 tolle Sachen, die gibt es überall zu sehen, manchmal muss man fragen, um sie zu verstehen....

 

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