04.12.2018

Wenn heute Abend in der Stadthalle Cottbus etwa 1.000 Bergleute, Kraftwerker und ihre Gäste das alljährliche Fest der Heiligen Barbara begehen, ist Vieles im Kulturprogramm wie immer und Manches anders. Für die Musiker des Orchesters Lausitzer Braunkohle ist die Barbarafeier neben ihrem eigenen Jahreskonzert der zweite Höhepunkt im Konzertjahr. Das heißt, die Musiker treten mit „großer Besetzung“ an.

Waren sie jahrelang nur ein kleiner Programmteil der Barbarafeier, bestreiten sie in diesem Jahr die musikalische Gestaltung des Abends fast allein. „Wir spielen heute Abend nicht nur die Zwischenstücke“, erläutert mir Andreas Wache, der seit 30 Jahren im Orchester Klarinette spielt. Vielmehr seien die Musiker Teil der Dramaturgie, führten mit ihren Titeln zu den anderen Programmbeiträgen hin. Und nicht nur das, merkt Dirigent Matthew Lynch an. Die Cyr-Wheel-Artistin Leonie Körner hat sich für ihren Vortrag den Elton John Titel Circle of Life gewünscht. Den haben die Lausitzer zwar im Repertoire, aber lange nicht gespielt – und schon gar nicht zu einer artistischen Darbietung.

Immer mittwochs proben die Musiker des Orchesters Lausitzer Braunkohle in der Lausitzhalle Hoyerswerda, Foto: Andreas Franke für LEAG 

Auf den Ablauf der letzten Probe vor der Feier hatte das jedoch keinen besonderen Einfluss. Immer mittwochs ab 18 Uhr proben die Musiker in der Lausitzhalle in Hoyerswerda. Da sie in der Adventszeit noch drei andere Konzerte absolvieren – zum Beispiel zur Eröffnung des Weihnachtsmarktes in Hoyerswerda – standen an diesem Abend auch Choräle auf dem Probenplan.

Musizieren entspannt

Andreas Wache notiert sich Hinweise von Dirigent Matthew Lynch in seine Noten, Foto: LEAG

Ich durfte bei dieser Probe dabei sein und war zugegeben überrascht, wie routiniert alles ablief, obwohl anfangs nur etwa 18 bis 20 Musiker im Raum waren. Minute für Minute ging dann die Tür auf, kam Jemand herein, packte leise und gelassen sein Instrument aus, baute alles zusammen, setzte sich auf seinen Platz und stimmte mit ein.

Wache, im Alltag Ingenieur im LEAG-Veredlungsbetrieb und im Orchester-Vorstand für die Finanzen verantwortlich, hat mir das schnell erklärt. Seine 62 Mitstreiter kommen – wenn nicht bereits im Rentenalter – nach der Arbeit, nach der Uni, nach der Schule zur Probe. Und, das kommt erschwerend hinzu, sie kommen nicht nur aus Hoyerswerda und der näheren Umgebung. Bis aus Dresden und Görlitz reisen sie an. Man muss die Musik und das Musizieren in einer Gemeinschaft schon sehr lieben, um das auf sich zu nehmen.

Für Wache selbst, der seit der ersten Klasse musiziert und dem Orchester auch die Treue hielt, als er 15 Jahre lang nicht in der Braunkohle gearbeitet hat, ist die Musik nicht nur eine Freizeitbeschäftigung. Das Musizieren entspanne ihn, erzählt er mir.

Nachwuchs immer schwerer zu finden

Heute Abend auf dem Programm: Star Trek Melodien und Fly me to the moon, Foto: LEAG  

Als alter Hase und Vorstandsmitglied macht er sich auch viele Gedanken um den Orchesternachwuchs. Zwar hatte das Orchester in diesem Jahr erfreulichen Zuwachs, unter anderen zwei Schülerinnen, die Flöte und Klarinette spielen und zwei Quereinsteiger am Tenorhorn. Einer davon – und das freut Wache besonders – ist ein Kollege aus dem Kraftwerk Schwarze Pumpe. Aber insgesamt ist der Altersdurchschnitt bei den Lausitzern, die im kommenden Jahr ihr 60-jähriges Bestehen feiern, schon recht hoch.

„Es liegt nicht nur daran, dass Blasmusik bei jungen Leuten nicht wirklich in ist“, weiß Wache. Die Tatsache, dass die Stadt Hoyerswerda seit der Wende Tausende Einwohner und damit auch potentiellen Nachwuchs verloren hat, hat ebenso damit zu tun. Und letztlich wird an der Musikschule Hoyerswerda das Spielen von Blasinstrumenten kaum noch gelehrt.       

„Wir wollten selbst Kinder ausbilden“, erzählt mir Wache noch. Doch dafür habe nicht nur die Kraft nicht gereicht. „Auf Dauer ließen sich die für beide Seiten möglichen Probezeiten einfach nicht unter einen Hut bringen“, bedauert Wache.

Dirigent Matthew Lynch führt die Musiker auch heute Abend sicher durch den Auftritt, Foto: Andreas Franke für LEAG

Für die Zukunft wünscht sich der engagierte Musiker deshalb zwei Dinge: die LEAG möge das Orchester weiter so gut unterstützen und mehr junge Leute sollen den Weg ins Orchester finden.

Für den heutigen Barbaraabend, der für die Blasmusiker mit der Probe um 16 Uhr beginnt, wünscht der 57-Jährige sich, dass alle den richtigen Ton treffen. Und er freut sich auf den letzten Programmpunkt, zudem er eine persönliche Beziehung hat.

Was das sein wird? Das ist eine Überraschung.

 

Orchester Lausitzer Braunkohle

In den 50er Jahren zog es Tausende Arbeiter aus der ganzen Republik nach Schwarze Pumpe. Die Menschen fanden hier Arbeit und eine Wohnung, doch die Möglichkeiten, sich in der Freizeit zu beschäftigen, waren rar. Bald trafen sich jene Bergleute, die ein Instrument spielten, nach Feierabend und musizierten gemeinsam. 1959 gründeten sie ein Bergmannsblasorchester. Das Orchester spielte hauptsächlich zu Feierstunden oder Festveranstaltungen des Werkes. Bald schon hatte sich das Orchester in der Region als hervorragendes Amateurblasorchester etabliert. Freundschaftliche Verbindungen zur Musikschule Hoyerswerda und die Betreuung durch das Rundfunkblasorchester Leipzig sorgten stets für gute Nachwuchsmusiker.

Nach der politischen Wende und der Bildung der Lausitzer Braunkohle AG (LAUBAG) erweiterten sich die inhaltlichen Aufgaben des Orchesters: musikalische Umrahmung von Grundsteinlegungen großer Industriebauten, der Barbarafeiern, "Tage der offenen Tür" in der LAUBAG, Gestaltung von Dorf- und Heimatfesten in vom Bergbau betroffenen Ortschaften, Festveranstaltungen bei anderen Unternehmen, Jugendweihefeiern, Advents- und Weihnachtskonzerte, Schützenfeste usw. Höhepunkte jeder Spielzeit sind das "Jahreskonzert", das traditionell in der Lausitzhalle Hoyerswerda stattfindet, und die Barbarafeier.

Im Januar 2003 erfolgte die Umbenennung des Klangkörpers in "Orchester Lausitzer Braunkohle".  Seit März 2013 ist Matthew Lynch künstlerischer Leiter des Orchesters. Die LEAG ist Hauptsponsor des Orchesters.

Mehr über das Orchester erfahren Sie unter anderem hier:
https://www.leag.de/de/news/carbon/carbon-0118/ auf den Seiten 10 und 11 

Wenn Sie gern im Orchester musizieren möchten, melden Sie sich bitte hier:  
https://www.lausitzorchester.de/kontakt/

Warum die Bergleute alljährlich die Heilige Barbara ehren, erfahren Sie hier: https://www.leag.de/de/news/details/die-heilige-barbara-legende-und-tradition/

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Autor

Elvira Minack

Nachdem ich über 30 Jahre als Pressesprecherin und verantwortliche Redakteurin in Ostbrandenburg und in Franken gearbeitet habe, kam ich 2009 ins Unternehmen. Seit dem Herbst 2017 arbeite ich in der externen Kommunikation. 

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