17.10.2017

Alle vier Jahre trifft sich die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) zum Gewerkschaftskongress. Das Motto diesmal: „Gemeinschaft. Macht. Zukunft.“ Rund 400 Delegierte aus acht Landesbezirken kamen vom 8. bis 13. Oktober nach Hannover. Einer von ihnen ist Marco Bedrich. Er blickt auf eine spannende Woche voller individueller Eindrücke zurück.  

In Hannover trafen sich die 400 Delegierten zum 6. ordentlichen IG BCE-Kongress, Foto: IG BCE

Meine Woche startete diesmal schon am Sonntag. Dank des Sturmtiefs Xavier mache ich mich statt mit der Bahn mit dem Auto auf nach Hannover zum Gewerkschaftskongress. Meinem ersten.

Stimmungsvoller Auftakt mit dem Projekt "Wir sind Demokratie", Foto: Helge Kueckeberg

Um 15 Uhr geht es im Kuppelsaal des Hannover Congress Centrums los. Michael Vassiliadis eröffnet mit einem Plädoyer für die Demokratie und die Funktion der Gewerkschaften: „Die Feinde der Demokratie sind auch immer die Feinde der Gewerkschaften. Wer Gewerkschaften bekämpft, bekämpft auch immer die Demokratie.“ Ihre Bedeutung unterstreicht auch Redner Rainer Hoffmann vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Für Gänsehaut-Momente zumindest bei einigen der Anwesenden sorgt die Einlage des musikalischen Projektes „Wir sind Demokratie“. Ein stimmiger und sehr emotionaler Auftakt einer Veranstaltung, von der nicht nur ich mir richtungsweisende Entscheidungen erwarte. Damit bin ich nicht alleine, wie ich bei der Videobefragung feststelle. Liegen mir energiepolitische Themen als Lausitzer am Herzen, erwarten andere Signale in Richtung Integration, politische Aufstellung, Weichenstellung für die Zukunft u. a. in Richtung Demographie, Gleichberechtigung, für Demokratie und gegen Rassismus.

Marco Bedrich im Video zu den Erwartungen an den Kongress, Aufnahme: IG BCE

Die Bandbreite ist sehr groß – das Programm der Woche entsprechend umfangreich. Der Grundstein für ein Gemeinschaftsgefühl ist nach der Eröffnung gelegt. Ich bin gespannt, was kommt. Die Eindrücke des ersten Tages sind schon mal umfangreich. Natürlich nimmt jeder Delegierte etwas anderes mit. Eine umfassende Berichterstattung hat die Gewerkschaft selbst übernommen. Per Livestream und über Social Media kann jeder auch von außen dem Geschehen in Hannover folgen. Wer also das eine oder andere mehr wissen will, dem empfehle ich, die Zusammenstellung auf der Homepage meiner Gewerkschaft nachzulesen. Im Folgenden gebe ich meine Eindrücke in Ausschnitten wieder. Alles andere würde den Rahmen sprengen.

Konstitution und ein Blick über den Tellerrand

Internationale Gewerkschafter zu Gast: Präsident der türkischen Bergbaugewerkschaft Türkiye Maden Iscileri Sendikasi, Foto: Christian Burkert

Der Montagmorgen startet emotional mit dem Gedenken an die verstorbenen Kolleginnen und Kollegen der letzten vier Jahre. Das emotionale Gefühl aus der Eröffnungsveranstaltung gestern zieht sich weiter durch diese schöne Geste. Danach wird es sachlich mit dem Rechenschaftsbericht des geschäftsführenden Hauptvorstandes, Beiträgen von Vertretern des europaweiten sowie weltweiten Gewerkschaftsverbandes IndustriAll. Diese wecken mein besonderes Interesse. Der türkische Kollege berichtet von den Auswirkungen eines schweren Grubenunglücks 2013 und lobte die Solidarität Deutschlands und seiner Gewerkschaften. In Spanien ist vor allem die hohe Jugendarbeitslosigkeit ein Thema. Im Anschluss an diese Ausführungen folgt die Verabschiedung von gedienten Gewerkschaftern. Abgerundet wird der Auftakt am Abend mit einem netten Zusammenkommen bei der Kongressparty.

Von Wählern und Gewählten

Geheime Wahl zu den Hauptvorständen, Foto: Helge Krueckeberg

Bei den anstehenden Wahlen zu den ehrenamtlichen und geschäftsführenden Hauptvorständen gibt es wenige Überraschungen. Mit 97,7% der Stimmen stärken die Delegierten Michael Vassiliadis den Rücken als IG BCE-Vorsitzenden. Das zeigt das riesige Vertrauen, welches in ihn gesetzt wird. Auch Edeltraud Glänzer als seine Stellvertreterin sowie Petra Reinbold-Knape und Ralf Sikorski als Mitglieder des geschäftsführenden Hauptvorstandes werden wiedergewählt und das mit ordentlichen Ergebnissen. Francesco Grioli ergänzt das eingespielte Team, weil Peter Hausmann ausgeschieden ist. Mein Kollege Uwe Teubner von der LEAG wird zum ehrenamtlichen Hauptvorstand gewählt. Dafür scheidet aus unseren Reihen Michael Freese aus, der für die IG BCE-Jugend im Hauptvorstand saß. Die Ergebnisse lassen sich hier leichter wiedergeben, als sie praktisch erzielt werden. Ich stelle fest, dass die Wahlen ein anstrengendes Prozedere sind. Zumal alle Wahlvorgänge nach Satzung geheim ablaufen. Doch die Ergebnisse zeigen, wie geschlossen die Delegierten hinter dem Hauptvorstand stehen, der nun als starke Einheit arbeiten kann.

Der neu gewählte geschäftsführende Hauptvorstand der IG BCE von links: Francesco Grioli, Edeltraud Glänzer, Michael Vassiliadis, Petra Reinbold-Knape, Ralf Sikorski, Foto: Stefan Koch

Grundsätze und Richtung

Andrea Nahles auf der Konferenz der IG BCE, Foto: Christian Burkert

Der Mittwoch beginnt mit der Grundsatzrede von Michael Vassiliadis. Es brauche die besten Köpfe angesichts der fundamentalen Veränderungen, die anstünden. Für mich besonders wichtig sind seine Aussagen zur Energiepolitik. Die IG BCE stehe zum Klimaabkommen von Paris. Doch die Gewerkschaft bleibe bei ihrer klaren Linie, eine verlässliche Perspektive für die Reviere zu fordern. Keiner solle ins Bergfreie fallen, Vassiliadis fordert Zeit und Vernunft beim Struktur- und Energiewandel und ein Energiewendeministerium, welches in Zukunft alle unkoordinierten Bereiche der Energiewende zusammenführen soll. Die IG BCE stehe zur Kohle und wird sich mit allen Mitteln für einen vernünftigen Weg der Energiewende einsetzen. Für mich ist sie auf Dauer ein verlässlicher Partner für die Reviere. Ich bin zufrieden und widme mich der Antragsberatung, deren erste Runde ansteht. Zur Abstimmung stehen insgesamt 368 Anträge zuzüglich 22 Satzungsanträge. Deshalb gehe ich nicht näher darauf ein. Sie sind alle im Tagesprotokoll nachzulesen. Der heutige Block endet gegen 16.30 Uhr. Nach einer halben Stunde Kaffeepause geht das Wort an Andrea Nahles, Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion. Sie kritisiert, dass die Klimaziele immer konkreter, die Prozesse aber weiter schwammig sind. Es entstünden zur Klimapolitik Lagerbildungen im Bundestag, die unproduktiv seien, es würde mit etwas angefangen, ohne das die eigentlich Kernpunkte klar wären. Sie meint, dass wir gut beraten seien, ehrgeizige Ziele zu setzen, aber Industrie und Produktion dürften nicht gefährdet werden.

Die Bearbeitung der verschiedenen Anträge ist stetige Arbeit an den folgenden Tagen, Foto: Helge Kueckeberg

Antragsarbeit und Jamaika

Donnerstag geht es mit der Antragsberatung weiter. Besonderes Themenhighlight ist für mich der Block mit den energiepolitischen Anträgen, die sich alle für eine Verwendung der Braunkohle als Brückentechnologie aussprechen, die Rückendeckung der IG BCE ist uns in der Lausitz gewiss. Kollege Uwe Teubner spricht zum energiepolitischen Leitantrag des Hauptvorstands. Er setzt sich, wie auch die Kollegen aus dem Rheinischen Revier, außerordentlich für die Braunkohle und die dazugehörigen Anträge ein, immer mit festem Blick auf das Ziel, die Versorgungssicherheit zu garantieren. Unterbrochen werden die heutigen Antragsberatungen gleich dreimal durch hochkarätige Gäste.

Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht auf dem Kongress, hier mit dem IG BCE-Vorsitzenden Michael Vassiliadis, Foto: Stefan Koch

Bundeskanzlerin Angela Merkel ist die erste Rednerin. Sie würdigt die Rolle der Gewerkschaften und gratuliert der IG BCE zum 20. Geburtstag.  Natürlich geht sie auch auf die Energiepolitik ein. Sie bekennt sich zur Energiewende und betont, dass die aktuelle Entwicklung des Klimas den Klimaschutz notwendig mache. Doch solle die Politik mit den Menschen und den Vertretern der Mitarbeiter reden. Die Struktur in der Lausitz könne einen nicht kalt lassen. Die Frage sei, wie wir die  Energiewende so hinbekommen, dass sie für die Menschen greifbar und tragbar bleibt. Wenn  in 20 Jahren 20 Prozent erreicht wurden, sei klar, dass man in weiteren 10 Jahren nicht locker einfach 40  Prozent erreiche. Sie wolle sich aber  trotzdem nicht von den Klimazielen verabschieden und sehe die Bundesrepublik bei der Energiewende auf einem unaufhaltbaren Weg.

Die Standortrunde v.l.: Oliver Zühlke - Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats bei der Bayer AG, Jürgen Trittin - Mitglied des Bundestages, Annegret Kramp-Karrenbauer - Ministerpräsidentin des Saarlandes, Francesco Grioli - Mitglied des gHV der IG BCE, Volker Wieprecht - Moderation. Foto: Christian Burkert

Nach einer weiteren Antragsrunde diskutieren dann Jürgen Trittin von den Grünen, Annegret Kramp-Karrenbauer, die Ministerpräsidentin des Saarlandes, und Francesco Grioli vom geschäftsführenden Hauptvorstand der IG BCE zu Standortfaktoren, moderiert durch Volker Wieprecht.

Christian Lindner mit Michael Vassiliadis, Foto: Stefan Koch

Wie ich erwartet habe, hat Jürgen Trittin nicht viel übrig für die Braunkohle. Sein Fokus liegt auf der Automobilindustrie, er möchte vor allem E-Autos stärken. Annegret Kramp-Karrenbauer schildert die Situation im Saarland, wo anscheinend der Ausbau der erneuerbaren Energien aktuell seine Akzeptanzgrenze finde. 

Noch weitaus beeindruckender ist für mich der Auftritt Christian Lindners, dem Vorsitzenden der FDP. Er überzeugt mich in positiver Art und Weise. Als Chef-Liberaler ist er skeptisch gegenüber allem, was Zwang auslöst. Er kritisiert die bisherige Energiepolitik. Konventionelle Energieerzeugung zum Feindbild zu erklären, mache keinen Sinn. Er fordert eine ökonomisch sinnvolle und physikalisch machbare Energiepolitik. Wo Strukturbrüche drohen, sei es eine politische Aufgabe, dagegen zu arbeiten. Mit diesem Einblick endet der vierte Tag.

Opposition zeigt Flagge und stehender Applaus

Redner Martin Schulz, Foto: Stefan Koch

Der Freitag beginnt mit einem aufgeräumten SPD-Vorsitzenden Martin Schulz. Bei der SPD sei es Zeit für die grundlegenden Fragen. Was müsse passieren, damit die Menschen der SPD wieder ihr Vertrauen schenken? Für ihn ist klar, dass das tarifgebundene unbefristete Arbeitsverhältnis zum Alltag in einem so reichen Land wie Deutschland werden müsse. Die industrielle Basis dürfe nie hängen gelassen werden. Die SPD würde für die Industriearbeiter dieses Landes einstehen, sie solle wieder als Partei der Arbeit wahrgenommen werden und für sie müsse Wohlergehen an erster Stelle stehen.

In Punkto Energiewende werde Deutschland die Klimaziele deutlicher verpassen als geplant. Die Energiewende gehe mit dem Strukturwandel einher. Er selbst sei 150 Meter neben einem Tagebau geboren, in seiner Heimat wären immer mehr Schächte geschlossen worden. Er wisse, dass Strukturwandel nicht von heute auf morgen machbar sei. Es sei verantwortungslos, ständig neue Enddaten der Braunkohleverstromung zu nennen. Es gehe nicht um Jahreszahlen, es gehe um eine stabile Perspektive in den betroffenen Regionen. Erst dann könne man die Klimaziele komplett umsetzen. Schulz forderte die Delegierten auf, sich aus ihrem Garten heraus zu bewegen, den Dialog zu suchen. Mit seiner Rede punktet er bei mir.

Zukunft mit Tradition verbinden: zum Ausklang wurde auch das Steigerlied gesungen, Foto: Christian Burkert

Nach einer weiteren Antragsberatungsrunde ist das Programm bewältigt. Michael Vassiliadis hält das Schlusswort. Es gelte, das hier besprochene jetzt umzusetzen. Mit stehendem Applaus verabschieden wir Delegierte den Vorsitzenden. Jetzt wartet der Wochenendverkehr auf mich, die Rückfahrt in die Lausitz steht an. Im Gepäck habe ich weitaus mehr Eindrücke, als ich hier wiedergeben kann. Es war eine arbeitsreiche und sehr intensive Woche. Mit Spannung blicke ich auf die Koalitionsverhandlungen, in meinem Ohr die unterschiedlichen Statements. Wer wird sich durchsetzen und wohin steuert Deutschland? Auf jeden Fall weiß ich, wo die IG BCE steht und: Gemeinschaft. Macht. Zukunft. Glück auf!

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Autor

Marco Bedrich

2012 habe ich im Anschluss an mein Abitur eine Ausbildung zum Elektroniker für Betriebstechnik im Kraftwerk Jänschwalde angefangen und im Juni 2015 erfolgreich beendet. Seit Anfang an ließen mich die Themen Gewerkschaft und Mitbestimmung nicht los. So bin ich heute neben meiner Tätigkeit in der Kommunikation der LEAG gewählter Betriebsrat in Cottbus, aktiv in der IGBCE unterwegs, und politisch interessiert und involviert. 

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