15.08.2018

„Maschinistenfarm“, aber auch „schönste Stadt hier im Land“ hat Liedermacher Gerhard Gundermann Hoyerswerda in seinen Liedern genannt. Und die Schriftstellerin Brigitte Reimann begann hier die Arbeit am Roman „Franziska Linkerhand", der Geschichte einer jungen Architektin, die mit dem Wunsch auf eine Baustelle kommt, eine schöne Stadt zu schaffen. Nur zwei der vielen Geschichten aus Hoyerswerda. Eine dritte, ganz persönliche Geschichte hat mir Familie Meinel erzählt - darüber, was sie seit vier Generationen mit Hoyerswerda verbindet.

In diesem Jahr feiert Hoyerswerda, im sächsischen Landkreis Bautzen gelegen, das 750. Stadtjubiläum. Knapp 60 Jahre davon hat die Familie Meinel miterlebt. Wie tausende andere kamen sie in der Blütezeit der Stadt ab Mitte der 1950er Jahre hierher, als in ihrer Nachbarschaft der VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe errichtet wurde (1955-1959), der damals größte Kohleveredlungsbetrieb in Europa. Hoyerswerda wurde damit zur Wohnstadt für die Familien der Kohlekumpel und Energiearbeiter ausgebaut. Es entstanden die durch Plattenbauweise geprägten Wohnkomplexe (WK). 70.000 Einwohner hatte Hoyerswerda in den 80er Jahren. Heute sind noch 33.435 hier zu Hause. Und bis heute gehört die Familie Meinel zu ihnen – die Großeltern Frank (79) und Helga (78), Sohn Jörg (55) und Enkeltochter Lisa (26).

 Bau des ersten Wohnkomplexes im Jahr 1960, Foto: Stadtmuseum Hoyerswerda

Ich treffe die Meinels im Häuschen von Frank und Helga am Stadtrand von Hoyerswerda. Frank Meinel beginnt seine Erzählung mit den Eltern. Sie waren die erste Generation, die Mitte der 50er Jahre nach Hoyerswerda zog. Sie kamen, wie die meisten damals, in die Lausitz wegen der Arbeit und wegen einer Wohnung. Arbeit gab es sofort, für das Wohnen meist eine Übergangslösung, in der sogenannten Zwischenbelegung. Dort wohnte man, bis die eigenen vier Wände bezugsfertig waren, mit anderen Familien zusammen. Beim Bau der eigenen Wohnung konnte man zusehen: Tag für Tag wuchsen die Häuser um ein Stockwerk. Mit Großbauplatten und Kränen wurde gearbeitet. Zehn Wohnkomplexe entstanden so bis in die 80er Jahre hinein.

Zwei Zimmer in der Neustadt

Alle zwei Wochen kam Frank Meinel hier am Bahnhof an, Foto: Stadmuseum Hoyerswerda 

Oder man lebte zur Untermiete bei anderen Familien in einem Zimmer. So war das bei den Meinels. Zu der Zeit studierte Frank Meinel noch an der Bergakademie in Freiberg Kohleveredlung. Alle zwei Wochen kam er mit dem Zug, um seine Eltern zu besuchen. „Wenn ich am Bahnhof ankam, hatte sich stets viel verändert, waren neue Wohnhäuser entstanden“, erinnert sich Meinel. Von Besuch zu Besuch gefiel ihm die Stadt mehr. 1964 kam auch er wegen der Arbeit ganz hierher zurück. Sein Arbeitsplatz: der Bereich Brikettfabriken. Ihm hat er bis zum Beginn seines Ruhestandes im Jahr 1994 die Treue gehalten. 

Für das Wohnen gab es auch für ihn, seine Frau Helga und den Erstgeborenen Jörg anfangs eine Übergangslösung – das Kinderzimmer bei den Eltern. Die hatten inzwischen als Mitglied der Arbeiterwohnungsgenossenschaft (AWG) an einem Reihenhaus für drei Familien mit gebaut. Die erste eigene Wohnung – zwei Zimmer in der Magistrale der Neustadt – wurde ein Jahr später ihr Zuhause.

Helga, Jörg und Frank Meinel auf der Terrasse, Foto: LEAG

Helga Meinel erinnert sich gern. „Es war ein angenehmes Leben in Hoyerswerda. Jeder Wohnbezirk hatte seine eigene Verkaufsstelle, Krippe und Kindergarten, Gaststätte sowie Spiel- und Sportplätze. Die Stadt hatte ein Kulturhaus und eine Sporthalle. Der Berufsverkehr per Bus aus der Stadt zu den Fabriken in und um Schwarze Pumpe war kostenlos.“ Anders als damals organisieren sich die heutigen Berufspendler in privaten Fahrgemeinschaften für den Weg zum Industriepark Schwarze Pumpe. 

Das Ende der DDR brachte auch das Ende des Gaskombinats Schwarze Pumpe. Tausende Arbeitsplätze fielen weg. Viele, die wegen der Arbeit einst nach Hoyerswerda gekommen waren, zogen jetzt wegen der fehlenden Arbeit wieder weg. Die Stadt verlor 46 Prozent ihrer Einwohner. Viele der Hiergebliebenen arbeiten auch heute noch im neuen Industriepark Schwarze Pumpe, der auf dem ehemaligen Gelände des Kombinates entstanden ist. Mehr als 100 Betriebe haben sich dort inzwischen angesiedelt. Dazu gehören u. a. das LEAG-Kraftwerk Schwarze Pumpe, das 1998 offiziell in Betrieb genommen wurde, der Veredlungsbetrieb mit der einzigen verbliebenen Brikettfabrik, die Tagesanlagen des Tagebaus Welzow-Süd und der Technische Service Tagebaue.

 

Hier fing für die Meinels alles an: Das AWG-Häuschen der Eltern, Foto: privat

"Hoy-Woy, Dir sind wir treu"

Die Meinels wohnen inzwischen selbst in dem ehemaligen AWG-Häuschen der Eltern. Sohn Jörg, der wie sein Vater in der Brikettfabrik im Schichtbetrieb arbeitet, hat im Ortsteil Dörgenhausen ein älteres Haus gekauft und saniert, nachdem er mit seiner Familie viele Jahre erst im WK 10 und dann in der Altstadt gewohnt hat. Seine erwachsene Tochter Lisa wohnt heute wieder in der Altstadt und arbeitet als Sachbearbeiterin in einer Schule.

Es stimmt, was Gerhard Gundermann einst sang: „Hoy Woy, dir sind wir treu, Du blasse Blume auf Sand“. Warum auch nicht, erklärt Jörg Meinel. „Hoyerswerda ist so schön. Eine grüne Stadt. Das wird mir jeden Tag aufs Neue klar, wenn ich durch den ganzen Ort zur Arbeit fahre.“ Und er ist sicher, es würden viele Ehemalige zurückkommen, wenn es Arbeit für sie gäbe. So wie seine Tochter Lisa, die in Berlin eine Ausbildung zur Kauffrau für Bürokommunikation absolviert hat. „Berlin war mir zu anonym. Hier habe ich meine Familie und meine Freunde und die Stadt bietet so viele Möglichkeiten“, erzählt sie. Lisa liebt das Seenland, das viele Grün und spielt in ihrer Freizeit Volleyball im Verein.  Und Helga Meinel stimmt zu und ergänzt: „Hoyerswerda liegt zentral. Wir haben es nicht weit nach Dresden oder auch Leipzig.“

Hoyerswerdas Altstadt ist bei Mietern gefragt, Foto: Stadt Hoyerswerda 

Dass ganze Wohnkomplexe inzwischen abgerissen wurden, die Neustadt also immer kleiner wird, sehen die Meinels ganz sachlich. „Es wäre Frevel, die Häuser unbewohnt stehen zu lassen“, argumentieren sie übereinstimmend und berichten stolz, dass die Altstadt immer attraktiver und gefragter wird als Ort zum Wohnen. Bei allen aus der Meinel-Familie hört man heraus, dass sie sich wohlfühlen in der Stadt, die einst wegen der Braunkohle und ihrer Verarbeitung so enorm gewachsen ist und sich seit der Wende wieder neu erfinden muss. Und vielleicht hat es auch etwas mit dem zu tun, wie der ehemalige Hoyerswerdaer Bürger Gundermann das Miteinander in der Stadt beschrieb: „Nur eins war seltsam hier - Gleich hinter dem Ortseingangsschild war es plötzlich ganze vier Grad wärmer und der Wind so mild.“

 

Anlässlich des Stadtjubiläums von Hoyerswerda eröffnet die LEAG am 27. August um 17:30 Uhr eine Ausstellung im Lausitz-Center Hoyerswerda am Lausitzer Platz 1, Hoyerswerda. 

Interessante Informationen über die Stadt Hoyerswerda finden Sie auch hier: www.hoyerswerda-750.de

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Autor

Elvira Minack

Nachdem ich über 30 Jahre als Pressesprecherin und verantwortliche Redakteurin in Ostbrandenburg und in Franken gearbeitet habe, kam ich 2009 ins Unternehmen. Seit dem Herbst 2017 arbeite ich in der externen Kommunikation. 

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