Es rumpelt und donnert im kargen Tagebaufeld. Doch es sind nicht die schweren Bagger, die hier arbeiten. Nein, es ist ein stahlharter Dodge, der sich mit dumpfem Motorenbrummen übers Gelände kämpft. Aber was will der hier? Ein Musikvideo wird gedreht; ausgerechnet hier in der staubigen Einöde des Tagebaus, die wie eine Mond- oder Wüstenlandschaft anmutet. Und exakt diese Kulisse inspiriert Filmproduzenten.

Die Stuktur der Landschaft ist einzigartig, Foto: LEAG

Der Lausitzer Tagebau in der Nähe von Cottbus macht zunehmend Karriere als Drehort und Filmkulisse. Besonders begehrt ist die Landschaft im Tagebau Welzow-Süd, und das liegt vor allem an der einzigartigen Struktur: Die markanten Landstriche, die unterschiedlichen Erdfarben; Spuren von Wind und Regen erinnern an eine Wüste und haben so einen eigenen ästhetischen Reiz.

Wie geschaffen für das Musikvideo Dos Bros . Die Berliner Country- und Rockband Boss Hoss suchte für den Videodreh nach Szenerien im Stil des Wilden Westens. Im Gespräch waren die USA und Andalusien. Wer hätte gedacht, dass sie nur zwei Stunden von Berlin entfernt den perfekten Drehort finden würden; und so den Lausitzer Braunkohletagebau zur Filmkulisse machen. Innerhalb eines Tages war der Clip im Kasten. Yeeehaaaww! Willkommen im wilden Osten!

Das exotische Flair der Umgebung faszinierte auch Modedesigner Jess Kahlke. Er wählte die Szenerie des Tagebaus als bizarren Kontrast zu seiner aktuellen Kollektion. Designer, Statisten, Betreuer und Kameraleute machten sich auf den Weg nach Welzow-Süd und es entstand Arise, ein eindrucksvoller Fashion Film mitten aus der Kohlegrube.

Ähnlich beeindruckt vom Drehort dicht an der Kohle ist auch Regisseur Fatih Akin, der zurzeit den Bestseller „Tschick“ verfilmt. Eine Szene darin spielt in einem kleinen Lausitzer Dorf am Rand des Tagebaus. Der Film basiert auf dem erfolgreichen Jugendroman von Wolfgang Herrndorf (1965 – 2013) und soll im September 2016 in die Kinos kommen.

Perfekte Organisation 

Und so wird ein Filmteam nach dem anderen auf „Die Filmkulisse Tagebau“ aufmerksam. Beim Welzower Bergbautourismusverein, wo die organisatorischen Fäden zusammenlaufen flattert eine Anfrage nach der nächsten ins Haus. Wir haben Viola Kulke vom Verein gefragt, wie die Zusammenarbeit mit den Filmteams funktioniert, welche Vorbereitungen getroffen werden müssen und welche Projekte demnächst anstehen:

 

Aktion im Tagebau, Foto: LEAG

Welche Erfahrungen haben Sie rund um den Drehgenehmigungsprozess gemacht?

Viola Kulke: „Seit 2006 arbeite ich hier in der Tourenabteilung des Vereins, und ich habe schon viele Film- und Fotoprojekte betreut. Die Teams kommen oft sehr kurzfristig auf uns zu, da ist es äußerst wichtig, dass schon im Vorfeld alles unkompliziert und reibungslos abläuft. Bei einer Vorabbesichtigung des Geländes legen wir fest, welche Bereiche für die Aufnahmen in Frage kommen. Wir sprechen auch darüber, welche Bestimmungen und Verhaltensregeln im Tagebaugelände eingehalten werden müssen.“

 

Und diese Vorschriften schrecken die Leute nicht ab?

Viola Kulke: „Nein; ganz im Gegenteil. Das ist ja für sie gelebter Alltag am Set. Die Verantwortlichen der Film- und Fototeams achten sogar sehr akribisch darauf, dass die Sicherheitsbestimmungen von ihren Kollegen eingehalten werden. Letztlich geht es ja um den Schutz von Leben und Gesundheit und die Vermeidung von Unfällen 

 

Wie bewegt sich der Filmstab im weitläufigen Gelände? Dürfen eigene Fahrzeuge genutzt werden?

Mit Geländefahrzeugen geht es zum Drehort, Foto: LEAG

Viola Kulke: „Wir drehen meistens im sogenannten Südrandschlauch, wo die Braunkohle bereits abgetragen wurde. Der geschüttete Boden erschwert natürlich das Befahren mit schweren Fahrzeugen ohne Allradantrieb. Deshalb wird die Basis für die Dreharbeiten am geschotterten und befestigten Tagebaurand aufgebaut; zur entsprechenden Kulisse geht’s dann aber tatsächlich zu Fuß oder wir stellen geländegängige Fahrzeuge zur Verfügung.“

 

Wo werden die Kostüme aufbewahrt?

Viola Kulke: „Wir nutzen dafür unsere „Schutzhütte“, die ansonsten bei Wanderungen als Unterschlupf an regnerischen Tagen dient. Dort können die Teams ihre Kostüme aufbewahren, sich umziehen und schminken.“

 

Welche Projekte sind bisher entstanden? Haben Sie schon die nächste Anfrage auf dem Tisch? 

Viola Kulke: „Aktuell gibt es noch keine neuen Anfragen aber ich bin sicher, dass es mit wärmeren Außentemperaturen auch wieder mit den Filmdrehs losgeht. Die Palette ist ja vielseitig, wie man schon an den eingangs erwähnten Projekten sehen kann. Ich erinnere mich darüber hinaus an ein Modeshooting für Zalando und das KaDeWe, an Landschaftsaufnahmen für ein Architekturprojekt der Universität der Künste Berlin oder Szenen für den ARD-Fernsehfilm „Münchhausen“. Es gab einen Werbefilm für ATU und Filmaufnahmen für die LAUSITziale.“

 

Waren Sie denn auch mal persönlich bei Dreharbeiten dabei?

Viola Kulke: Ja, das bleibt nicht aus. Als Erstkontakt ist es sinnvoll, auch mal mit vor Ort zu sein." 

 

Was hat Sie am Set am meisten überrascht? Schlieolich ist so ein Filmdreh nicht alltäglich.

Viola Kulke: „Es ist immer eine Herausforderung, auf so viele unterschiedliche Charaktere zu treffen. Aber ob es Produzent Mathis Landwehr, Model Franziska Knuppe oder die Musiker von BossHoss waren; sie sind sympathische und ganz normale Menschen. Es ist wirklich interessant, mit den Leuten am Set ins Gespräch zu kommen und zu erfahren, wie sich so ein Team findet und ergänzt. Aufschlussreich ist auch, aus welch unterschiedlichen Ländern sie mitunter kommen oder wo sie leben.“

 

Ein Ereignis hat Sie besonders fasziniert. Worum ging es da?

Ob frei lebend oder Filmstar; der Wolf ist ein intelligentes Raubtier, Foto: LEAG

Viola Kulke: „Beim Dreh zu „Wolf“ wurde ein zahmes Tier in der bizarren Landschaft gefilmt, in der es ja auch wildlebende Wölfe gibt. Dabei fragte ich mich, wie der Zahme wohl auf Spuren und Gerüche seiner freilebenden Artgenossen reagieren würde. Ich war sehr überrascht, denn er reagierte darauf überhaupt nicht und konzentrierte sich ausschließlich auf seinen Trainer, wie es das Drehbuch vorschrieb. Nichts konnte den Vierbeiner ablenken.“

 

Und wie kommt nun so ein Dreh zustande? An wen können sich Interessierte wenden?

Viola Kulke: „Direkte Vorbereitungen gibt es nicht. Die Scouts oder jemand vom Film- und Fototeam erläutert kurz das Vorhaben per E-Mail, wir erfragen Zeitraum, Anzahl der Beteiligten, Art des Aufwandes und Referenzen. Die Anfrage wird dann bei uns im Verein geprüft, in der Pressestelle von Vattenfall entschieden; die Kollegen im Tagebau werden informiert und dann koordinieren wir alles rund um die Drehgenehmigung, sodass die Film- oder Fotoaufnahmen starten können.“

 

Dieser Beitrag erschien zuerst im Vattenfall Blog

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Gastautoren beim Seitenblick

Einige unserer Beiträge sind von Autoren verfasst worden, die nicht zu unseren Stammteam gehören. Danke für diese tolle Zusammenarbeit.

Im Einzelnen sind dies:

Bärbel Arlt: Pechofen-Fund in Nochten; Tagebau-Tour zu schwarzem Gold und edlem Tropfen; Von Miniküchen und Kräutergärten: Die Stiftung Lausitzer Braunkohle
Bianca Aurich: Filmkulisse Tagebau; Findlingspark Nochten - Besuchermagnet zu Ostern
Monika Krüger: Peitzer Karpen: Ein Leben lang Sommer
Ralf Krüger: Ein Leben zwischen Bergbau und Kulturbetrieb; Lausitzer Kirchentag: Weg in die Zukunft
Alisa Dorin Schmidt: Architekturpreis für eine bewegte Landschaftsarchitektin
Silvia Teich: Artenvielfalt auf der Tagebau-Kippe

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