09.05.2016

Unter dem Motto „Kohle stoppen – Klima schützen“ hat die Initiative „Ende Gelände“ für Pfingsten Besetzungen und Blockaden im Lausitzer Braunkohlerevier angekündigt. Die Forderung lautet „Kohleausstieg jetzt!“

Die Energiewende ist auf dem Weg. Ein Blick auf den deutschen Strommix zeigt, wie dynamisch sich der Anteil der erneuerbaren Energien in den letzten zehn Jahren entwickelt hat, von zehn Prozent 2005 auf 30 Prozent des Stroms im Jahr 2015. Bis 2050 sollen es mindestens 80 Prozent sein.

Doch der beachtliche Zubau von erneuerbaren Erzeugungskapazitäten, insbesondere von Photovoltaik und Windkraft, ist nur ein Teil davon. Der Ausbau der Netze, um den Strom von den Erzeugungs- in die Verbrauchszentren zu transportieren, hält mit dem Wachstum der regenerativen Energieerzeugung noch nicht Schritt.

Außerdem werden Speicher gebraucht, die einspringen, wenn es dunkel ist, bewölkt oder wenn Flaute herrscht. Mit Ausnahme von Pumpspeicherwerken stehen diese Technologien aber noch am Anfang ihrer Entwicklung.

Solange mit den Erneuerbaren keine Vollversorgung gewährleistet werden kann, braucht es konventionelle Energieträger, um verlässlich rund um die Uhr den Bedarf zu decken. Braunkohle steuert derzeit immer noch jede vierte in Deutschland verbrauchte Kilowattstunde bei.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) hat im April gegenüber der Tageszeitung „Neues Deutschland“ über die Braunkohle in der Energiewende sinngemäß Folgendes gesagt: Man sollte das Schiff nicht versenken, bevor das Ufer erreicht ist. Auf Braunkohle überstürzt zu verzichten, hieße in diesem Sinne, sich freiwillig in Seenot zu begeben.

Erneuerbare brauchen Partner

Erneuerbare Energien stellen inzwischen rund 90.000 Megawatt der installierten Leistung zur Stromerzeugung für Deutschland – theoretisch genug für die Vollversorgung. Aber diese installierte Leistung entspricht nicht 1:1 der tatsächlichen Produktion.

 

Kraftwerkskapazität BNetzA, Mai 2016, (zum 10.11.2015) inkl. in das Netz einspeisende Kraftwerksleistung in Luxemburg, Schweiz und Österreich. Stromerzeugung: AGEB, Januar 2016, Grafik: LEAG

Das Leistungsangebot der Erneuerbaren hängt von Tageszeit und Wetter ab und reicht deshalb nicht aus, um jederzeit die Nachfrage vollständig zu decken. Bei Dunkelheit steht kein Photovoltaik-Strom zur Verfügung. Herrscht Flaute, sind davon alle Windkraftanlagen in dieser Wetterlage betroffen – und das ganz unabhängig von ihrer Anzahl.

Das erforderliche Pendant sind auf absehbare Zeit die steuerbaren Kraftwerke im Energiemix – Kohle, Gas und bis 2022 die Kernenergie. Sie sorgten auch im vergangenen Jahr für zwei Drittel des Stroms.

Braunkohle ist mit knapp 25 Prozent immer noch ein essentieller Teil des Energiemix und dieser Mix stellt gerade für eine Industrie-Nation wie Deutschland eine bewährte Strategie zur Risikominderung dar.

CO2-Emissionen annähernd halbiert

Die Lausitzer Braunkohlekraftwerke unterliegen dem europäischen Emissionshandelssystem, dem gemeinsamen Instrument der EU zur Erreichung ihrer Klimaziele. Das heißt aber auch, dass bei dieser gemeinsamen Mengen-Regulierung nationale oder gar regionale Alleingänge nur eine Umverteilung von Emissionen bewirken, aber keine zusätzliche Reduktion.

Zudem steht in der Lausitz einer der modernsten Braunkohlekraftwerkspark überhaupt – führend bei Umweltstandards und führend bei der Energieeffizienz. Hier ist seit Anfang der 90-er Jahre der CO2-Ausstoß annähernd halbiert worden. Zur Reduktion der deutschen CO2-Emissionen seit 1990 hat Ostdeutschland allein über 40 Prozent beigetragen. Daran war die Lausitzer Braunkohle ganz wesentlich beteiligt.

Braunkohle soll neuen Eigentümer erhalten

Vattenfall hat sich entschieden, sein Geschäft künftig auf erneuerbare Energien auszurichten und die deutsche Braunkohlesparte zu verkaufen. Diese Entscheidung steht nicht im Widerspruch dazu, das die Braunkohle ein wichtiger Bestandteil im deutschen Energiemix ist und als verlässlicher heimischer Partner von Wind- und Solarenergie die Energiewende in Deutschland unterstützen kann.

Das tschechische Energieunternehmen EPH hat gemeinsam mit der Investmentgruppe PPF ein verbindliches Kaufangebot abgegeben. Vattenfall hat dieses Angebot akzeptiert.

Gegenüber dem Handelsblatt hat EPH betont, dass das Interesse an der ostdeutschen Braunkohle langfristig ist und dass Deutschland es sich nicht leisten könne, nach der Kernenergie auch auf Kohle zu verzichten.

Strukturwandel in der Lausitz ist unterwegs

Der Strukturwandel in der Lausitz hat bereits vor 25 Jahren begonnen. Die Region hat nach der politischen Wende bereits eine „Energiewende“ durchlebt. Binnen kurzer Zeit mussten dutzende Tagebaue, Kraftwerke und Veredlungsanlagen schließen.

Der damalige Strukturbruch brachte große infrastrukturelle, soziale und wirtschaftliche Herausforderungen, zehntausende Arbeitsplätze gingen verloren, Menschen verließen massenhaft die Region.

Die Vergangenheit mahnt an, dass ein abruptes Ende des Industriezweigs nicht zu dem „sozialen und ökologischen Ausstieg aus der Kohle“ führt, wie ihn die Initiative „Ende Gelände“ fordert.

Strukturwandel heißt nicht automatisch, dass er ohne Kohle erfolgen muss. Die Energiewirtschaft kann diesem Wandel einen Entwicklungsrahmen bieten und das ingenieurtechnisches Wissen und die praktischen Erfahrungen können eine wertvolle Basis sein.

Die Braunkohlestandorte, die nach der Wende erhalten blieben, haben eine beispielhafte Entwicklung durchlaufen, wurden aufwendig modernisiert, erneuert und liefern bis heute konkurrenzfähig jede zehnte in Deutschland verbrauchte Kilowattstunde Strom. Das spricht für die Wandlungsfähigkeit der Lausitz.

Die Region kann die zweite Energiewende als Entwicklung vollziehen und mit Weitsicht planen ohne einen erneuten Bruch zu erleiden. Diese Chance sollte man der Lausitz zugestehen.

 

Dieser Beitrag ist zuerst im Vattenfall Blog erschienen. 

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Autor

Ariane Geisler

Ich bin ein Lausitzer Gewächs: hier geboren, gehegt und gepflegt. Dann fürs Studium der Fachrichtung Medien vorübergehend "umgetopft". Beruflich habe ich in der Unternehmenskommunikation Wurzeln geschlagen. Mein Habitat bei der LEAG: Die externe Kommunikation im Print- und Digitalbereich. Was mir dabei am besten gefällt: Die Vielfalt der Menschen, Themen und Geschichten. Reichlich Nährboden für Einblicke, Schulterblicke, Seitenblicke.

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