Wer kennt das nicht? Jeden Tag dieselben Strecken, dieselben Türen, rechts, links, die Treppe hoch – während die Füsse ihren vertrauten Weg finden, schaltet das Hirn auf Autopilot und die Gedanken schweifen ab. Im Kopf wird bereits der Plan fürs Wochenede zurechtgelegt. Rasenmähen nicht vergessen, da war doch noch etwas? Upps. Eine Tür zu weit.

Das Kraftwerk Lippendorf bei Leipzig, Foto: LEAG

Was banal klingt, kann in einem Kraftwerk lebensgefährlich sein. Eine Unachtsamkeit, ein falscher Handgriff - bei Spannungsebenen von 230 bis 27.000 Volt hilft kein Schritt zurück. Das weiß auch Ralf Selbmann. Seit vielen Jahren ist er in Lippendorf für die Arbeitssicherheit der 300 Kraftwerker verantwortlich.,Der größte Risikofaktor ist der Mensch", so Selbmann - bei fast 100 Prozent aller Ereignisse sei menschliche Unaufmerksamkeit in Routinearbeiten der Auslöser. So geschehen beim letzten schweren Unfall, als ein Kollege zwar einen der beiden Kraftwerksblöcke freigeschaltet hat, dann aber doch in den anderen abgebogen war.

Mehr Aufmerksamkeit

Versehen, die nicht geschehen sollen - darin sind sich Sicherheitsingenieur Selbmann und Kraftwerksleiter Christian Rosin einig. Zusammen mit Kommunikationsexpertin Kerstin Löber wollen sie die Lippendorfer zu erhöhter Aufmerksamkeit in Routinesituationen motivieren. Das Ziel: 5 Sekunden innehalten.

Ungewöhnliche Motive für mehr Sicherheit am Arbietsplatz im Kraftwerk Lippendorf, Foto: LEAG

Wenigstens zehnmal am Tag.  Bin ich sicher? Läuft alles wie geplant? Auch bei den Anderen? Wer regelmäßig sich und seine Umgebung überprüft, beugt Fehlern vor, denn immer dann, wenn wir uns am sichersten fühlen, sind wir am gefährdetsten. „Jeder Einzelne muss sich in die Pflicht nehmen, denn Arbeitssicherheit kommt nicht von außen. Kein Regelwerk der Welt ersetzt die Verantwortung, die ich für mein eigenes Leben habe", so Löber. Eingefahrene Verhaltensmuster ändern - doch wie?

„Wir bleiben sicher.“

Die Motive durchbrechen die Monotonie des Alltags, Foto: LEAG

Diese Nachricht soll bei allen Kollegen ankommen, sie aufrütteln und bewegen. Dazu wurden neuralgische Punkte des Kraftwerkes mit großflächigen Airbrush-Kunstwerken versehen. An den Wänden der Schaltanlagen sorgen jetzt Elefant und Nashorn in 3-D für visuelle Aha-Erlebnisse.

Doch nicht nur wilde Tiere durchbrechen die Monotonie der Industriebauten. Ein Kompass und eingefärbte Pfeiler helfen bei der Orientierung vom Maschinenraum in die Blöcke. Blau steht für Block R, grün für Block S.

Hinzu kommen Armbänder für alle. Ein Blick darauf soll an die „5-Sekunden-Regel“ erinnern. Sie werden so zu „kognitiven Ankern“, quasi zu Ausrufezeichen am Handgelenk, denn erst nach 21 Tagen ist ein altes Verhaltensmuster durch ein neues ersetzt. Auch einen Erklär-Film hat das Arbeitssicherheitsteam geliefert. Vom Drehbuch bis zu den Darstellern – alles „Made in Lippendorf“.

Immer neue Impulse

Da es immer wieder neue Impulse braucht, um gewohnte Verhaltensmuster zu durchbrechen, haben die kreativen Kraftwerker noch einige Ideen parat. „Routine entwickeln ist menschlich und das „Menschsein“ gibt keiner am Werkstor ab. Wenn wir unsere Anlage mit Humor sicherer machen, gewinnen wir alle“, ist Christian Rosin überzeugt. „Lasst uns die Aufmerksamkeit zur Routine machen!“

 

 

Neugierig? Das Kraftwerk Lippendorf öffnet im Rahmen der Tage der Industriekultur die Türen am 10. August. Mehr dazu unter www.industriekulturtage-leipzig.de

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Autor

Kristina Strehle

Ich bin gebürtige Lausitzerin mit familiärer Bergbautradition. Nach meinem Studium der Kultur- und Medienwissenschaften in Frankfurt (Oder), Mexiko Stadt und Berlin folgten Arbeitsaufenthalte in Südafrika und Bangladesch. Mein Thema: Entwicklungszusammenarbeit. Dann ging es für mich „zurück zu den Wurzeln". Meine Haltestationen in Cottbus: das osteuropäische Filmfestival, eine Opernproduktion des Staatstheaters und der Lehrstuhl Energieverteilung und Hochspannungstechnik an der BTU. Seit Oktober 2016 bin ich nun in der internen Kommunikation der LEAG „sesshaft“.

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