Architekturpreis für eine bewegte Landschaftsarchitektin

Undine Giseke

zur Person

Undine Giseke

Ich bin Landschaftsarchitektin und Universitätsprofessorin an der TU Berlin. Dort leite ich das Fachgebiet Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung. Als Studiendekanin für den Studiengang Urban Design setze ich mich unter anderem für neue Wege in der interdisziplinären Lehre ein. Studiert habe ich zunächst Germanistik und Soziologie in Düsseldorf und Berlin. Allerdings habe ich schnell gemerkt, dass ich eher auf der Suche nach einem Beruf war, in dem man Dinge selbst gestalten und entwerfen kann. So kam es dann, dass ich Landschaftsplanung und Landschaftsarchitektur an der TU Berlin studiert habe. Eine gute Wahl, die ich bis heute nie bereut habe. Neben meiner universitären Tätigkeiten bin ich außerdem Mitbegründerin des Büros bgmr Landschaftsarchitekten. 

Casablanca, Kigali, Berlin – und Welzow-Süd. Undine Giseke ist viel unterwegs, um „bewegte Landschaften“ zu gestalten.

Den Modebegriff „flexibel“ mag Undine Giseke gar nicht, weil er in ihren Augen etwas Beliebiges hat. Sie nennt es lieber „anpassen“. Hauptsache immer in Bewegung bleiben, bloß kein Stillstand. Ihre Leidenschaft ist es, Landschaften zu entwickeln die nicht statisch sind. „Wir bauen kein fertiges Bild sondern akzeptieren, dass Veränderungen und Verwandlungen eintreten.“ Die Dynamik macht für sie erst den Reiz aus. „Bewegte Landschaft“ ist daher das Leitmotiv ihrer Projekte.

Quergebürstete Projekte

Undine Giseke beim Pressegespräch zum Gottfried Semper Architekturpreis. Rechts: Prof. Wilfried Krätzschmar, Präsident der Sächsischen Akademie der Künste, Foto: Dr. Klaus Michael   

Am 5. November bekommt Undine Giseke dafür den Gottfried Semper Architekturpreis verliehen. Kommt die Sprache auf die Auszeichnung, wirkt die sonst so sichere gebürtige Ostwestfälin ein bisschen unsicher. Denn aufgeregt ist sie schon. „Weil ich keine so ganz typische Landschaftsarchitektur mache, sondern immer so ein bisschen quergebürstete Projekte.“

Das mache es für sie manchmal schwierig, ihre Arbeit einem großen Publikum zu vermitteln. Sie hat keine typischen Hochglanz-Fotos von schön gestalteten Stadtplätzen oder Parks in der Schublade. Ihre Projekte sind groß, dauern lange, sind visionär und versuchen neue Wege zu gehen – und manchmal wird auch nichts daraus. „Und sie sind nicht immer klassisch schön“, sagt die 59-jährige. Ihr geht es vielmehr um den langfristigen Effekt und die Veränderung.

Leidenschaft für Bewegung

Lebendig sind nicht nur ihre Arbeiten. Undine Giseke gestikuliert viel und zeichnet dabei die Formen nach, über die sie gerade spricht. Der markante Silberring an ihrer linken Hand unterstreicht das. In Gedanken scheint sie immer genau an dem Ort zu sein, von dem sie gerade erzählt. Auf dem Bagger in Welzow, in dem kleinen Leipziger Stadtgarten oder auf der Farm in Casablanca.

Wüste im Wandel

Eines ihrer Projekte führte sie vor einigen Jahren in die Lausitz. Dort hat sie das Konzept „Wüste im Wandel“ für die Tagebaulandschaft Welzow-Süd entworfen.

Projektskizze des Konzeptes „Wüste im Wandel“, Grafik: bgmr Landschaftsarchitekten mit archiscape

Die Idee: Den wüstenartigen Charakter der frisch aufgeschütteten Bergbaufolgelandschaft zu nutzen und für Besucher erlebbar zu machen. Hier spielte die Veränderung wieder eine zentrale Rolle. Wüste sollte nicht nur Wüste bleiben. Nach und nach sollten Pflanzen wachsen, auf natürlichem Weg. Genau dieser Wandel reizt Undine Giseke besonders. Und das Ungewöhnliche. „Die Wüste ist ein recht drastisches Thema, das auch bedrohlich wirken kann“, sagt sie.

Deshalb war auch eine Oase inmitten dieser Wüstenlandschaft geplant, als Anlaufpunkt für Besucher. Mit Wasser und Gärten. Sie und ihr Team hatten schon alles bis ins kleinste Detail ausgearbeitet. Aus rund 80 Ideen, die bei der Internationalen Bauausstellung für das Landschaftsprojekt Welzow im Jahr 2002 eingereicht wurden, wurde die „Wüste im Wandel“ ausgewählt. Vor allem, weil es ein Alleinstellungsmerkmal für die Region gewesen wäre.

Es wurmt sie schon etwas, dass das Konzept in einigen benachbarten Gemeinden nicht so gut angekommen ist und letztlich nicht umgesetzt werden konnte. „Man hätte es ja mal ausprobieren können.“ Jetzt bekommt sie nicht zuletzt für dieses Konzept einen der bedeutendsten Architekturpreise verliehen. Doch der Eindruck bleibt, dass Undine Giseke die Idee wohl noch lieber in die Tat umgesetzt hätte.

Landwirtschaft und Stadt als Win-Win-Situation

Von Welzow-Süd nach Casablanca. „Megastädte von Morgen“ hieß das Projekt des Bundesforschungsministeriums, dass Undine Giseke sehr am Herzen lag. Ähnlich wie in der Lausitz konnte sie ihren Ideen auch hier freien Lauf lassen. Das Thema: Urbane Landwirtschaft als Strategie zur klimagerechten, nachhaltigen Stadtentwicklung. „Heute ist die Verknüpfung von Landwirtschaft und Stadt ein regelrechter Hype“, sagt sie. 2004 war das noch nicht so. Genau deshalb hat es sie auch so gereizt. Zehn Jahre hat sie dieses Projekt geleitet. „Meine Projekte dauern einfach immer ein bisschen länger“, lacht sie.

In dieser Zeit haben sie und ihr Team zum Beispiel eine pädagogische Farm aufgebaut. Gesunde Ernährung stand dabei im Mittelpunkt. Kleinbauern wurden in ökologischer Anbauweise ausgebildet und verkaufen  die Gemüse- und Obstsorten seitdem an Familien in der Stadt. Die Flächen wurden so für die landwirtschaftliche Nutzung gesichert und die Stadtbewohner profitieren davon. Eine klassische Win-Win-Situation.

Rosinenpickerin

Undine Giseke ist definitiv ein Macher-Typ. 1987 gründete sie gemeinsam mit drei Partnern das Büro bgmr Landschaftsarchitekten. Seit 1998 lehrt sie an der Technischen Universität Berlin. 2003 wurde sie Professorin und leitet seitdem das Fachgebiet Landschaftsarchitektur und Freiraumplanung.

In Undine Gisekes Büro steht der Schreibtisch des bekannten Architekten und Ehrendoktor der TU Berlin Hans Scharoun, Foto: LEAG

Auf die Frage, wie sich Lehre, Forschung und Praxis kombinieren lassen, seufzt sie etwas wehmütig. Leider mache sie nur noch sehr sporadisch etwas im Büro. „Rosinenpickerei“, sagt Undine Giseke. Sie habe das große Glück, alle drei Baustellen – Lehre, Forschung und Praxis – zu bespielen, aber eine davon bleibe leider immer etwas auf der Strecke. Bei ihr war es lange Zeit das Büro. Aber auch wenn ihre Zeit mehr als nur knapp ist, kommt sie nicht ganz davon los. Das will sie auch überhaupt nicht. „Ich mag die Dynamik der Praxis sehr“, sagt sie.

Urban Gardening als Trend

Eines ihrer Lieblingsthemen ist das Urban Gardening, die Hobbygärtnerei für Stadtmenschen. In Leipzig ist sie zum ersten Mal darauf gestoßen, zu Zeiten der EXPO. Weil sie die Idee so spannend fand, hat sie sie auch gleich umgesetzt. „Wandel auf der Parzelle“ nannte sie diesen Teil eines größeren Projektes in der damals schrumpfenden Stadt Leipzig. Wohngemeinschaften, Familien oder Studenten konnten eine Parzelle im Leipziger Osten für einige Jahre bepflanzen. Als sinnvolle Zwischenlösung. Danach konnte man aufs Neue schauen, wie man die Gebiete weiterentwickeln will. „Auch das ist bewegte Landschaft, denn eine Stadt ist für mich nichts Fertiges.“

Was heute ein echter Trend in Großstädten wie Berlin ist, kam 2003 fast noch ein bisschen zu früh, sagt Undine Giseke rückblickend. Nur vereinzelt konnte sie die Leipziger für das Urban Gardening begeistern. Kurz darauf entwickelte sich eine soziale Bewegung von Hobbygärtnern in Großstädten. Als Ausgleich in der schnellen und digitalisierten Welt. „Die Zeit war einfach reif für dieses Thema.“

Trendsetterin ist sie also auch. Zumindest im Job. Einen eigenen kleinen Stadtgarten bepflanzt sie nämlich nicht. Dazu fehlt ihr die Zeit. „Leider“, sagt sie. „Wir experimentieren zu Hause auf der Terrasse mit alten Rucola-Sorten. Weiter geht der Spaß nicht. Der Schuster macht sich eben selbst die schlechtesten Schuhe.“

Immer auf Achse – immer in Bewegung

Aktuell beschäftigt sie sich mit dem Stoffwechsel der Stadt, in München. Es interessiert sie, wie unsere Städte eigentlich funktionieren. Was sie an Wasser, Nahrung und Energie brauchen, wo das alles herkommt und vor allem auch wo es wieder hingeht, wenn es einmal in der Stadt gebraucht worden ist. Außerdem begleitet sie ein weiteres großes Projekt, das sich mit den Infrastrukturen für die Städte von morgen beschäftigt. Und das gleich in drei internationalen Städten: Kigali in Ruanda, Da Nang in Vietnam und Asyut in Ägypten. „Nahrung wird dabei als urbane Infrastruktur etabliert, für die man eben Flächen braucht“, erzählt Undine Giseke stolz. Fünf Jahre wird sie in diesem Projekt tätig sein. „Das ist ein großer Luxus“, sagt die Liebhaberin langer Projekte dankbar.

Mehr als nur ein Beruf

In ihrer Freizeit verbringt sie gerne Zeit in den Bergen. Obwohl sie selbst sagt, dass sie ein totaler Stadtmensch ist. Und ein Workaholic. Auch im Urlaub. Ob es Segen oder Fluch ist, weiß sie selbst nicht so genau. Sie habe nun mal einen Beruf, bei dem es schwer ist, die Grenzen zu ziehen. „Früher hat mein Sohn immer sehr darunter gelitten“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Mamas analytischer Blick ließ sich auch bei privaten Städtetrips nicht ganz ausblenden. Undine Giseke hat ein Auge für bewegte Landschaften – und eine große Leidenschaft für ihren Beruf. Eine bewegte Landschaftsarchitektin eben.

 

Der Beitrag erschien zuerst im Vattenfall Blog

Themen

Teilen

Autor

Gastautoren beim Seitenblick

Einige unserer Beiträge sind von Autoren verfasst worden, die nicht zu unseren Stammteam gehören. Danke für diese tolle Zusammenarbeit.

Im Einzelnen sind dies:

Bärbel Arlt: Pechofen-Fund in Nochten; Tagebau-Tour zu schwarzem Gold und edlem Tropfen; Von Miniküchen und Kräutergärten: Die Stiftung Lausitzer Braunkohle
Bianca Aurich: Filmkulisse Tagebau; Findlingspark Nochten - Besuchermagnet zu Ostern
Monika Krüger: Peitzer Karpen: Ein Leben lang Sommer
Ralf Krüger: Ein Leben zwischen Bergbau und Kulturbetrieb; Lausitzer Kirchentag: Weg in die Zukunft
Alisa Dorin Schmidt: Architekturpreis für eine bewegte Landschaftsarchitektin
Silvia Teich: Artenvielfalt auf der Tagebau-Kippe

Mehr von Gastautoren beim Seitenblick